1933: Adenauers Beitrag zum „Kalender katholischer Jugend 1933"

Staatsbürger wirst Du nicht etwa durch Erreichung des wahlfähigen Alters oder der Volljährigkeit. Mit Erreichung dieser Lebensstufen trittst Du lediglich ein in den vollen Genuss der Rechte und Pflichten eines Staatsbürgers. Um wirk­lich Staatsbürger zu sein, musst Du diese Rechte und Pflichten genau kennen und richtig handhaben können. Darum ist es für jeden jungen Menschen eine Erziehungsaufgabe, sich auf seine wichtige Rolle als Staatsbürger vorzubereiten. Diese Vorbereitung tritt schon in der Schule ein, die einen Teil der Kenntnisse ver­mittelt, die für jeden Staatsbürger unerlässlich sind, die ihm aber auch ein Stück staatspolitischer Bildung mit auf den Lebensweg geben soll. Wer das Wesen des Staates als ein naturgegebenes und gottgewolltes System zum Zwecke der Rechtsordnung und irdischen Wohlfahrt erkennen will, muss zeitig damit anfan­gen, sich auf all den Gebieten umzusehen, die man unter dem Begriff des staat­lichen Lebens zusammenfasst. Aus der Auseinandersetzung mit verfassungsrechtlichen, kulturpolitischen, sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen setzt es sich zusammen und wird beeinflusst durch den Willen der Parteien, durch den Zusammenschluss von Menschen gleichgerichteter Interessen und Anschauun­gen. Der Katholik hat als deutscher Staatsbürger die Pflicht, sich nicht nur alles notwendige politische Wissen zu erwerben, sondern auch die Entscheidungen des politischen und staatlichen Lebens vom Standpunkt seiner Weltanschauung aus kritisch zu betrachten. Die Kritik muss ihn dazu führen, sich in jedem Fall für die Durchdringung von Recht und Gesetz mit christlichen Grundsätzen einzuset­zen. Weil wir mitverantwortliche Träger unserer nationalen Staatsidee und vollbe­rechtigte Glieder unseres Volkes sind, weil unsere Grundsätze ohne Rücksicht auf die Staatsform die Existenz eines geordneten Staats- und Gesellschaftslebens verbürgen, haben wir einen Anspruch darauf, dass unsere religiösen Gefühle und Anschauungen vom Staat nicht verletzt werden. Wir müssen durch vorbildlichen Gemeinschaftsgeist, Unterordnung unter das Gemeinwohl und Einordnung in die Gesamtinteressen der deutschen Nation zeigen, dass wir in unserer Haltung und Gesinnung echte Staatsbürger sind, die dem gesunden Fortschritt dienen.

Quelle: Kalender katholischer Jugend 1933, ein Führer- und Taschenbuch als Manifest führender Persönlichkeiten an die katholische deutsche Jugend, hrsg. von P. Ernst Drouven S. J. Abgedruckt bei Mensing: „... Den Kopf oben behalten, sich nicht unterkriegen lassen ...", in: Geschichte im Westen 9 (1994), S. 87; Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 269f.