3. August 1949: CDU/CSU. Christlich Demokratische/Christlich-Soziale Union

Von Dr. h.c. Konrad Adenauer, Vorsitzender der CDU

Menschentrauben auf den Trittbrettern überfüllter, fensterloser Züge, Menschenschlangen vor Geschäften um ein paar Gramm Butter oder ein paar Pfund Brot, Menschenansammlungen vor Wirtschaftsämtern um einen Bezugschein für ein Paar Ersatzschuhe, kurz, die Herabwürdigung des Menschen zum Objekt der Zwangswirtschaftsbürokratie - das war der Inbegriff deutschen Lebens bis zum Juli 1948. - Saubere, schnelle Züge, volle Schaufenster, ein langsames aber stetes Ansteigen des Lebensstandards aller Volksschichten, kurz, die Befreiung des Menschen von den Fesseln der Wirtschaftsbürokratie - das war der Erfolg jenes Wagnisses, für das die Christlich-Demokratische Union in ihrem Bestreben, dem Einzelmenschen die verlorene Würde wiederzugeben, die Verantwortung übernahm.

Mittelpunkt allen Strebens und Handelns der CDU bleibt der Mensch und seine Freiheit. In der raschen Beseitigung der - Familie und Gemeinschaftsgeist zerstörenden - Wohnungsnot durch Bereitstellung der für die Wiederbelebung der Bauwirtschaft nötigen Kredite sieht sie daher ihr vornehmstes Ziel. - Bereits jetzt ist die industrielle Produktion um fast das Doppelte höher als im Juni 1948. Bereits jetzt ist die Zahl der in den Produktionsprozeß Eingegliederten um 650.000 größer als vor der Währungsreform. Die CDU wird auf dem beschrittenen Wege weitergehen und Maßnahmen fordern, um jede Gefahr der Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

Die besondere Sorge der CDU gilt der Lösung des Vertriebenenproblems. Dabei sollten die Interessen der Vertriebenen in erster Linie durch Vertriebene selbst vertreten werden. Daher die immer wieder erhobene Forderung der CDU auf Schaffung von Flüchtlingswahlkreisen. Lastenausgleich und Siedlungsgesetzgebung mit dem Ziel der Schaffung neuer Existenzmöglichkeiten, namentlich für vertriebene Bauern, sollen weiter ausgebaut werden. Widerstände der alliierten Militärregierungen, vor allem hinsichtlich des Lastenausgleichs, haben diese Bestrebungen der CDU bisher verzögert. - Deutschland kann aber das Flüchtlingsproblem nicht aus eigener Kraft lösen. Es ist auf die intensive Mithilfe der übrigen Kulturvölker angewiesen. Die beste Lösung dieses internationalen Problems sieht die CDU in der Rückführung der Vertriebenen in ihre Heimatgebiete, in der Rückgliederung des Landes östlich der Oder-Neiße-Linie und der Wiederherstellung der Grenzen von 1937.

Aus ihrer christlich-abendländischen Grundhaltung heraus vertritt die Union den Gedanken der internationalen Zusammenarbeit aller freiheitsliebenden Völker. Die CDU/CSU sieht darin die alleinige Garantie für die Rettung des Abendlandes vor Krieg und Zerstörung.

Quelle: Amerikanische Rundschau vom 3. August 1949