20. Oktober 1950: Goslar

Von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Der erste Bundesparteitag der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands ist ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte unse­rer Partei. Goslar ist Abschluss und Beginn zugleich - Abschluss einer Periode des organisatorischen Wachsens und Beginn einer um­fassenden gemeinsamen Arbeit nach föderalistischen Gesetzen im gesamtdeutschen Raum.

Vielen von uns erschien das organische Wachstum unserer Partei als zu langsam. Zahlreiche Ansätze zur Bildung einer einheitlichen Partei auf der Bundesebene wurden unternommen. Sie mussten schei­tern, weil sich bei dem ganzen Charakter der Christlich-Demokratischen Union einfach nichts erzwingen lässt, denn die organisatorische Form ist zwar ein wichtiges und wünschenswertes Hilfs­mittel, aber sie ist nicht Zweck einer Partei an sich.

Mit mir werden alle Freunde der Union den heutigen Tag als den Beginn einer strafferen organisatorischen Arbeit begrüßen. Wir werden damit sicherlich äußerlich an Gewicht gewinnen. Das ist notwendig und gut, denn wir werden in den entscheidenden Monaten, die vor uns liegen, alle Kraft notwendig haben, um die uns gestellten Aufgaben zu meistern.

So sehr wir uns freuen wollen über die nun erreichte organisato­rische Form, so sehr aber wollen wir uns auch bewusst sein, wie wenig selbst die beste Organisation bedeuten würde, wenn wir ihr nicht den unseren Grundsätzen gemäßen Inhalt geben können. Auch hier gilt der Satz, dass der Geist die Form gestalten muss. Deshalb war es mein Wunsch, den Parteitag in Goslar als erste Gele­genheit zu benutzen, uns auf unsere Grundsätze zu besinnen. Vielfach ist in den vergangenen Jahren, unter dem Druck der Tagespolitik, vergessen worden, was vor fünf Jahren die christlichen Demokraten Deutschlands einte. Nicht immer haben die Vertreter der Partei an unsere Grundsätze und Ideale gedacht, wenn sie politische Entscheidungen zu treffen hatten. Diese Gewissenserforschung wollen wir an die Spitze des Parteitages und seiner Arbeiten stellen, und wir wollen uns dann besinnen auf die Quellen unserer Kraft, die einzig und allein im Christentum liegen.

Mit Recht steht daher an der Spitze der Delegiertentagung ein Vortrag, der dem geschichtlichen Auftrag der Christlich-Demokratischen Union gewidmet ist und der aus umfassender Schau Idee und Grundsätze unserer Partei uns ins Gedächtnis zurückrufen soll. Alle anderen Ausführungen werden und müssen sich gründen auf die­se Selbstbesinnung. Sie müssen die großen politischen Aufgaben­gebiete auf die Grundsätze der Union zurückführen.

Der Parteitag würde seinen Zweck verfehlen, wenn er in Äußerlichkeiten und materiellen Diskussionen stecken bliebe. Er kann nur dann fruchtbar hineinwirken in die heute entstehende gesamt­deutsche Organisation, wenn alle Teilnehmer sich wieder von dem Geist erfüllen lassen, der aus den furchtbaren Erlebnissen der Diktatur und des Krieges heraus christliche Demokraten aller Konfessionen und Stände unseres Vaterlandes aus den Trümmern des geistigen und seelischen Zusammenbruches zu unserer Union des guten Willens führte.

Nur wenn wir so uns auf die Quellen unserer Kraft besinnen, werden wir als eine große und mächtige Partei fähig sein, die Aufgaben zu erfüllen, die uns als Deutschen und Europäern in der Welt ge­stellt sind. Dieses Deutschland, dieses Europa, diese Welt - sie werden nur Bestand haben, wenn sie in christlicher Freiheit und Ordnung gebaut werden. Möge der Parteitag von Goslar für un­sere Christlich-Demokratische Union die Grundlage dazu schaffen!

Quelle: Deutschland-Union-Dienst. Jg. 4, Nr. 207 vom 20.10.1950, S. 1f.