24. März 1951: Gedanken zum Osterfest

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Wir Deutschen, die wir die schweren Nachkriegsjahre durchlebt haben, müssen aus der österlichen Botschaft die Kraft nehmen, die Gegenwart zu meistern und an eine glückliche Zukunft zu glauben. Die größte Gefahr, die unser Volk bei Kriegsende bedrohte, bestand in der Möglichkeit der Selbstaufgabe und in seiner Skepsis.

Arm und ohne Macht standen wir in jenen Tagen vor unserem Schicksal. Und dennoch fanden sich in dem seelischen und materiellen Chaos, das der Nationalsozialismus als Erbe hinterlassen hatte, ungezählte Frauen und Männer, die sich nicht irremachen ließen. Sie legten ohne Wort Hand an und vollbrachten damit jenes Heldentum des Alltags, dem wir es verdanken, dass in wenigen Jahren das Wort des Dichters sich erfüllte: Und neues Leben blüht aus den Ruinen! Diese Menschen - es ist die überwiegende Mehrheit unseres Volkes - fanden die Antwort deshalb, weil dem Christen ein innerer Lebenssinn gegeben ist.

Seine geistige Kraft wird uns auch in Zukunft in die Lage versetzen, diejenigen Probleme, für die bis heute noch keine Lösung gefunden werden konnte, ihrer sinnvollen und gerechten Entscheidung entgegenzuführen. Hierbei wird man sich bewusst bleiben müssen, dass es keine "Patentlösungen" gibt, deren bloße Handhabung gestattet, mit einem Minimum von Mühe ein Maximum brauchbarer Ergebnisse zu erzielen. Es ist immer ungleich leichter gewesen, ein Haus niederzureißen als aufzubauen. Dieser Binsenwahrheit aber sollten alle diejenigen unserer Landsleute eingedenk bleiben, die in Sachunkenntnis der Ansicht huldigen, alles ginge viel zu langsam vorwärts.

Wer so spricht, hat vergessen, welcher Situation sich das deutsche Volk im Jahre 1945 gegenübergestellt sah und welcher Weg seither erfolgreich zurückgelegt worden ist. Gewiss, uns Menschen ist eigen, die Übel der Vergangenheit schnell zu vergessen, wenn diese einmal beseitigt sind. Aber dürfen wir wirklich alles, was wir bisher erreicht haben, als etwas Selbstverständliches hinnehmen, wie manche von uns es zu tun pflegen? Birgt diese Haltung, die das Geleistete gering achtet und nur das sehen will, was von unseren Wünschen und Hoffnungen unerfüllt geblieben ist, bis heute unerfüllt geblieben ist, nicht die Gefahr in sich, in negativer Kritik zu verharren und damit zum Knecht der eigenen Kleinmut zu werden?

Ich glaube, das deutsche Volk kann sich vor aller Welt mit Stolz zu dem bekennen, was von ihm unter schweren Bedingungen in den letzten Jahren vollbracht worden ist. Es ehrt sich selbst, wenn es den Weg nicht vergisst, den es in diesen Jahren gehen musste, um zu den Ergebnissen zu gelangen, die jetzt vor uns liegen. Auch die Gegenwart ist schwer, für viele von uns unsagbar schwer. Aber wir wissen: Weil wir bis hierher gekommen sind, werden wir schrittweise auch weiterkommen. Aus der bisherigen Leistung schöpfen wir die Kraft zur Überwindung der Aufgaben, die noch vor uns liegen.

Den Christen bedeutet das Osterfest Ansporn und innere Bereitschaft. Diese Feststellung umschließt die Verpflichtung, alles zu tun und nichts zu versäumen, was in unsere eigene Verantwortung fällt. Dazu gehört vor allem, dass wir das schwierigste Problem, dem wir uns im Bereiche der Innenpolitik gegenübergestellt sehen, den Lastenausgleich, so einer raschen Lösung entgegenführen, dass das oft in vergangener Zeit missbrauchte Wort "deutsche Volksgemeinschaft" neuen Sinn erhält. Es ist billig, das Los derjenigen Landsleute zu beklagen, die heute noch ein grausames Schicksal zwingt, unter der gnadenlosen Herrschaft sowjetischer Willkür zu leben, zugleich aber diejenigen zu übersehen, die als erste Opfer dieses erbarmungslosen Systems den Weg zu uns gefunden haben.

Die Verwirklichung deutscher Einheit liegt nicht in unserer Macht. Sie muss von denen bewerkstelligt werden, die vergaßen, dass ein Volk zusammengehört, dass es nicht aufgeteilt werden kann. Eines aber steht in unserer Macht, nämlich den Beweis dafür zu erbringen, dass unsere Handlungen von der Idee durchdrungen sind: Wir gehören zusammen, wir Deutsche in der Bundesrepublik - Vertriebene und Einheimische - mit euch im Osten unseres Vaterlandes. Seien wir uns bewusst, was auch immer für die Vertriebenen in unserer Mitte getan wird, es geschieht zugleich für unsere unglücklichen Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang, die aus unseren Taten auf unsere Gesinnung schließen.

Wer die Osterbotschaft richtig versteht, weiß, dass sie von dem, der sie beherzigen will, Mut und Tatkraft verlangt. Sie gibt uns Glauben und Gewissheit. Sie fordert von uns zugleich jene Gesinnung, die allein aus Taten spricht. In dieser Haltung haben wir die Aufgabe zu sehen, die uns Deutsche die Gegenwart um einer gemeinsamen deutschen Zukunft willen stellt. Verbannen wir die Zweifel des Kleinmutes aus unserer Seele. Handeln wir im Geiste österlicher Verkündigung!

Quelle: Bonner Rundschau vom 24. März 1951.