28. April 1951: Unsere außenpolitische Lage

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Mit der Bildung des Auswärtigen Amtes und der Ernennung eines deutschen Außenministers trat Deutschland zum ersten Male seit 1945 wieder als Staat auf den Plan der internationalen Politik.

Dieses Ereignis ist das Ergebnis der geduldigen und zähen Bemühungen, die durch die bedingungslose Kapitulation weitgehend eingeschränkte Souveränität wiederzuerlangen und das deutsche Volk in die Gemeinschaft der freien Völker der Welt als gleichberechtigt wieder zurückzuführen.

Der völlige Zusammenbruch 1945 sah nicht nur ein wirtschaftlich und sozial in seinen Grundfesten erschüttertes, jeder ordnungsgemäßen Regierungs- und Verwaltungsgewalt entbehrendes Land, sondern auch ein Volk, das sich den Hass und das Misstrauen vieler Völker der Welt zugezogen hatte.

Nur langsam konnten diese psychologischen Schranken überwunden und die Irrtümer auf allen Seiten bereinigt werden. Es bedurfte des guten Willens und der Geduld aller Einsichtigen, um Schritt für Schritt die Vergangenheit zu überwinden. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland, die Schaffung einer Bundesregierung war das erste entscheidende Ereignis, das die Wiedererrichtung eines freien, souveränen und demokratischen Deutschlands erkennbar ankündigte.

Das von der SPD bekämpfte Petersberger Abkommen und die damit verbundene Einstellung der Demontagen sowie die ebenfalls von der Opposition mit scharfer Kritik bedachten New Yorker Beschlüsse dürfen heute rückschauend ebenfalls als Zeichen fortschreitender Einsicht und Verständigung gewertet werden.

Der bedeutendste Schritt, nicht nur auf dem Wege der Gleichberechtigung Deutschlands mit den übrigen Völkern, sondern auch zur Schaffung eines geeinten, starken und gesunden Westeuropas ist zweifellos der Schuman-Plan, der soeben unterzeichnet wurde. Bei seiner Beratung saß Deutschland zum ersten Male wieder seit dem Zusammenbruch als gleichberechtigter Partner am Verhandlungstisch. Hier wurde ohne jede nationale Enge die Grundlage für eine kommende gemeinschaftliche europäische Wirtschaft gelegt, die ohne die bisherige nationale und wirtschaftliche Zersplitterung die Hoffnung weckt, den europäischen Völkern wieder Wohlstand und Fortentwicklung zu ermöglichen.

Es ist erfreulich, dass zum gleichen Zeitpunkt nicht nur der Bundesrepublik die Errichtung eines eigenen Außenministeriums gestattet wurde, sondern dass auch alle Produktionsbeschränkungen fielen, die bisher die deutsche Wirtschaft an der Herstellung zahlreicher Erzeugnisse hinderten, die für den friedensmäßigen Konsum benötigt wurden. Deutsche Schiffe werden jetzt wieder auf deutschen Werften gebaut, unser Treibstoffbedarf zum Teil aus deutschen Hydrierwerken gedeckt und der Mangel an Naturgummi durch deutsches Buna gemildert werden.

Nur die Böswilligen werden leugnen, dass durch die beharrlichen Bemühungen der Bundesregierung diese Fortschritte erzielt worden sind. Alle Einsichtigen aber und mit ihnen die Mehrzahl des deutschen Volkes werden anerkennen, dass Deutschland, vertreten durch die Bundesregierung, wieder ein Faktor der internationalen und besonders der europäischen Politik geworden ist.

Gewiss leben wir in einer ernsten und gefahrvollen Zeit. Die Spannungen zwischen der westlichen und der östlichen Welt bedrohen auch unsere eigene Existenz. Die Teilung Deutschlands ist unsere schmerzlichste Sorge, und die Wiederherstellung der deutschen Einheit in Frieden und Freiheit unser dringendes Anliegen.

Aber die Trümmer der Vergangenheit lassen sich nicht an einem Tage wegräumen und es muss mühselig Stein zu Stein gefügt werden, um Deutschland als Staat wieder aufzubauen. Keine Ungeduld darf uns übermannen, wenn wir das gegenseitige Vertrauen wieder schaffen wollen, aus dem allein eine friedliche Gemeinschaft der Völker erwachsen kann, deren gleichberechtigtes Glied zu werden Deutschlands unverrückbares Ziel sein muss.

Quelle: Die Rheinpfalz vom 28. April 1951.