11. Mai 1951: Eine neue Epoche der Politik

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Etwas mehr als eineinhalb Jahre, nachdem die deutsche Bundesrepublik ins Leben getreten ist, wurde sie als gleichberechtigtes Mitglied in den Europarat und damit in das repräsentativste Gremium der europäischen Völker aufgenommen.

Dieses Ereignis darf und soll uns mit berechtigter Freude erfüllen. Wenn wir heute die verhältnismäßig kurze Zeitspanne überdenken, die uns diesen Erfolg gebracht hat, sollten wir dabei nicht vergessen, wie schwer es gewesen ist, das Tor nach Europa wieder zu öffnen. Ich habe bei meiner Regierungserklärung im Herbst 1949 mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, wie viel Geduld es uns kosten würde, die psychologischen Hemmungen rings um uns abzutragen, und ich werde heute, da wir die erste Etappe unseres Wiedereintritts in die europäische Gemeinschaft zurückgelegt haben, nicht müde zu wiederholen, dass das seelische Trauma, das die Machthaber des Dritten Reiches unseren Nachbarn zugefügt haben, nur dann vernarben wird, wenn wir die jetzt gewährte Gleichberechtigung nicht als Wiederherstellung einer überholten Souveränitätsvorstellung im Stile des nationalistischen 19. Jahrhunderts ansehen, sondern als unsere Chance, in und mit Europa zu leben.

Ich darf heute mit Genugtuung feststellen, dass der 2. Mai 1951 die Politik der zähen Geduld bestätigt hat. Nicht die Politik des Faustschlags auf einen noch gar nicht erreichten Verhandlungstisch, sondern die unermüdliche Bekundung unseres Willens zur aufrichtigen Mitarbeit an der Sicherung des Friedens und des sozialen Fortschrittes in Europa hat über das Petersbergabkommen, den Eintritt in die OEEC und die Mitarbeit am Schumanplan uns jenes Maß an Souveränität wiedergebracht, das unserer wirklichen Lage entspricht und das wir nur erhalten können, wenn wir es als friedliches Kapital in die kommende europäische Föderation einbringen.

Es kann nicht deutlich und oft genug gesagt werden, dass damit eine neue Epoche der europäischen Politik überhaupt beginnt. Ihre Besonderheit liegt darin, dass die führenden Politiker der noch freien Völker Europas klar erkannt haben, dass das Zeitalter der gegeneinander gerichteten Souveränitätskomplexe in Europa in kürzester Zeit beendet sein muss, wenn unser Kontinent nicht dem Bolschewismus verfallen soll. Einer der energischsten Verfechter dieser europäischen Föderationspolitik, der französische Außenminister Robert Schuman, hat diese Erkenntnis, die der innerste Antrieb seiner Deutschlandpolitik ist, jüngst in die Worte gefasst: "Die Zerstückelung Europas ist zu einem Anachronismus geworden, zu einem Nonsens, zu einer Häresie." Ich möchte diese Worte mit allem Nachdruck in das Bewusstsein aller Deutschen einprägen und sie durch den Hinweis ergänzen, dass gerade das Abbauen der Anachronismen zu den notwendigsten, aber auch schwierigsten Dingen in der Politik überhaupt gehört.

Der Widerstand, dem der Schumanplan als Grundriss der europäischen Föderation bei einem Teil der Deutschen begegnet, beweist, wie schwer es ist, diesen Teil der Deutschen von seinem nationalistischen Denken zu befreien. Noch immer werden die selbstmörderischen Träume von nationaler Autarkie und Selbstisolierung im Zeichen einer falsch verstandenen Souveränität weiter geträumt, obwohl jedes Schulkind die Tatsachen an der Hand aufzählen kann, die nicht nur für uns, sondern mehr oder weniger für alle europäischen Völker die völlig neue Situation der gegenseitigen Hilfsbedürftigkeit und der unausweichlichen Verflochtenheit in ein gemeinsames Schicksal zwischen Ost und West geschaffen haben.

Der von der Opposition mehr oder weniger offen ausgesprochene Vorwurf, ich hätte mit der Unterschrift unter den Schumanplan die deutsche Souveränität verkauft, richtet sich, um von der Verdächtigung meines Wollens abzusehen, bei richtiger Würdigung der Lage durchaus an die falsche Adresse. Das besorgniserregende Echo, das solche unverantwortlichen nationalistischen Exzesse im Ausland finden, zeigt sehr deutlich, wie aufmerksam und betroffen unsere Nachbarn alles registrieren, was einem nationalistischen Restaurationsbedürfnis in Deutschland ähnlich sieht. Geradezu unübersehbar groß aber ist der Schaden, der aus einer Verleumdung der ehrlichen Absichten unserer Schumanplan-Partner, insbesondere der französischen Initiatoren, für unsere Stellung in Europa erwächst. Solche Unverantwortlichkeiten reißen immer wieder die alten Wunden des Misstrauens auf, und sie geben denen recht, die gegen uns das Wort eines übrigens äußerst deutschlandfreundlichen französischen Schriftstellers zitieren, der einmal gesagt hat: "War man geschlagen, so sagte man, Deutschlands Ideal sei die Menschheit. Jetzt, da man die anderen schlug, hieß es, Deutschland sei das Ideal der Menschheit."

Von der Überwindung dieses aus drei deutsch-französischen Kriegen gespeisten Misstrauens hängt heute für Deutschland und für Europa alles ab. Die Beseitigung dieser Wurzel aller politischen Fehlentwicklungen in Europa ist jedoch nicht nur Sache der Politiker, sondern eine wahrhaft nationale und europäische Aufgabe für alle, die im Zeichen unserer Gleichberechtigung die Kontakte mit unseren Nachbarn verstärken. Man sollte dabei nie vergessen, dass zwischen Bonn und Paris die riesigen Leichenfelder von Verdun liegen und dass es einer gemeinsamen und fortgesetzten Anstrengung des guten Willens aller bedarf, um endlich eines der tragischsten Kapitel in der Geschichte Europas zu schließen und ein neues zu beginnen.

Wir haben jetzt wieder, wie man in Straßburg sagte, unseren "legitimen Platz in Europa", weil - wie der holländische Außenminister Stikker bei meiner Einführung in den Ministerausschuss des Europarates betonte - "es Westeuropa klar geworden ist, dass Europa nicht ohne Deutschland, und dass Deutschland nicht ohne Europa existieren kann". Diesen legitimen Platz zu erhalten und ihn für Deutschland voll auszufüllen, weil er das Forum schlechthin für die Lösung der unsere eigenen Kräfte übersteigenden Probleme ist -, darin liegt die eigentliche Aufgabe für eine deutsche Politik, deren Devise "Deutschland in Europa" heißt und die es mit dem Geiste wahrhaft europäischer Zusammenarbeit jetzt mehr denn je zu erfüllen gilt, nachdem das Eis um Deutschland gebrochen ist.

Auf diesem Wege und in diesem Ziel bin ich mir der hoffenden Zustimmung der Mehrheit unseres Volkes und vor allem unserer Jugend sicher!

Quelle: Rheinischer Merkur vom 11. Mai 1951.