24. Mai 1951: Ein Wort an die Landwirtschaft

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, durch Max Eyth geschaffen und 1947 von einer Gruppe ausgezeichneter Fachleute neu begründet, hat in vorbildlicher organisatorischer Kleinarbeit, alte Traditionen getreulich erfüllend, wesentlich mit zum Wiederaufbau der produktionstechnischen Leistung in der westdeutschen Landwirtschaft beigetragen. Nach außen hin wirkt die DLG vor allem durch ihre Wanderausstellungen, deren 41. dieser Tage in Hamburg eröffnet wird. Jede dieser umfassenden Schaustellungen zieht Hunderttausende von Besuchern an: Bauern, die vom Lande kommen, um sich über den Stand des Fortschrittes auf all ihren Arbeitsgebieten zu unterrichten, und Städter, denen hier die seltene Gelegenheit geboten wird, wenigstens einen flüchtigen Eindruck von der vielfältigen Arbeit zu gewinnen, die vom Landmann, aber auch von seinen Zulieferern und Abnehmern im gewerblichen Bereich, geleistet werden muss, um uns alle zu versorgen.

Nun liegt es freilich in der Natur der Dinge, dass bei Darbietungen dieser Art eine gewisse Einseitigkeit nicht zu vermeiden ist. Während nämlich alles, was die ländliche Produktionstechnik - im weitesten Sinne des Wortes - betrifft, augenfällig dargestellt werden kann, lassen sich die internen betriebswirtschaftlichen Vorgänge und ebenso die wirtschaftspolitischen Probleme nicht in gleicher oder ähnlicher Weise anschaulich machen. Selbst graphische Darstellungen und "sprechende" Statistiken verhelfen nicht zur rechten Erkenntnis der Tatbestände. Fest steht jedoch die Tatsache, dass die Erlöse der Landwirtschaft in einem sehr viel stärkeren Maße, als das bei der gewerblichen Wirtschaft der Fall ist, durch Preisbindungen für ihre Erzeugnisse bedingt sind, während für die Kostenseite bereits überwiegend die marktwirtschaftlichen "freien" Preise gelten.

Für die Bundesregierung ergab sich damit - weil man aus guten Gründen davon absehen musste, die Parität zwischen agrarischer und industrieller Preisgestaltung durch eine Einbeziehung aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse in die freie Marktwirtschaft herzustellen - die gewiss nicht leichte Aufgabe, die Preise für gewisse "Schlüsselprodukte" der bäuerlichen Wirtschaft so zu fixieren, dass einerseits eine gewisse Anpassung an die allgemeine Preis- und Kostensteigerung erreicht wurde, dass andererseits aber die Verteuerung der Lebenshaltung doch in den rechten Grenzen blieb, um die Preis- und Lohnspirale nun nicht auch noch von dieser Seite her in Gang zu setzen. Für Getreide haben die neuen Preise inzwischen gesetzliche Geltung erlangt. Sie werden, wenn sie auch für die große Masse der Landwirte erst bei der neuen Ernte zum Tragen kommen, ihre günstige Wirkung als Produktionsanreiz nicht verfehlen. Die vom Kabinett beschlossene Verbesserung des Milch- und Butterpreises muss noch vom Bundesrat und Bundestag gebilligt werden. Auch daraus ist ein Produktionsanreiz zu erhoffen. Auf den übrigen wichtigen Produktionsgebieten, wo die Preisbildung sich größtenteils nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten vollzieht, wird das Erforderliche getan werden, um die von den landwirtschaftlichen Organisationen gefürchteten Preiseinbrüche zu vermeiden.

Freilich können wir in Westdeutschland uns bei den Preisen für Lebensmittel nicht ganz von der marktwirtschaftlichen Entwicklung loslösen: dagegen sprechen viele Gründe. Insbesondere müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass in absehbarer Zeit ein Zusammenschluss der westeuropäischen Staaten zu einem großen, einheitlichen Markt erfolgt, durch eine "Grüne Union", die, ähnlich der Montan-Union, einmal entstehen wird. Das erfordert ein Umstellen und Umlernen, das für die Masse unserer bäuerlichen Betriebe durchaus keine leichte Aufgabe darstellen wird. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, müssen wir deshalb heute schon darauf sinnen, welches die wirksamsten Mittel sind, um die besten produktionstechnischen Methoden wie auch insbesondere die zu ihrer Nutzbarmachung erforderlichen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse an jene große Masse der Landwirte mit durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen Erzeugungsleistungen und Betriebsergebnissen heranzutragen. Der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft wird bei der Erfüllung auch dieser Aufgabe eine ganz besondere Bedeutung zufallen.

Ich habe das Vertrauen in die deutsche Landwirtschaft, die in der Vergangenheit schon so große Leistungen für unser Volk vollbracht hat, dass sie diese Aufgabe meistern wird.

Quelle: Die Zeit vom 24. Mai 1951.