15. August 1951: Vorwort zum Tätigkeitsbericht der Bundesregierung "Deutschland im Wiederaufbau 1951"

Mit dieser Abhandlung wird der Versuch unternommen, der Öffentlichkeit in zusammenhängender Darstellung eine Übersicht über die bisherige Tätigkeit der Bundesregierung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens zu ermöglichen.

Es mag an dieser Stelle daran erinnert werden, daß sich die Bundesregierung bei Aufnahme ihrer Arbeit einer Situation gegenübergestellt sah, die in der Geschichte des deutschen Volkes als einmalig bezeichnet zu werden verdient. Ihre schwere Aufgabe ist es gewesen, das Erbe anzutreten, das ihr der nationalsozialistische Staat hinterlassen hatte. Wie dieses Erbe beschaffen war, darüber braucht heute kein Wort mehr verloren zu werden. Die nationalsozialistischen Machthaber hatten die Parole "Nach uns die Sintflut" zu ihrer Staatsmaxime erhoben, wobei sie von der Wahnidee besessen waren, ihr eigenes Schicksal mit dem des deutschen Volkes zu identifizieren. Aber das Ende dieser verantwortungslosen Menschen, die unsägliches Leid über viele Völker und nicht zuletzt über das deutsche Volk gebracht haben, vermochte nicht den Untergang der deutschen Nation herbeizuführen. Auch in den bittersten und sorgenvollsten Stunden der Nachkriegszeit hatte das deutsche Volk den Glauben an seine Zukunft und den Mut zum Leben nicht verloren. Mit einer Entschlossenheit, die die Welt in Erstaunen versetzte, haben Millionen deutscher Frauen und Männer in diesen Nachkriegsjahren angesichts der unsäglichen Nöte des Alltages den Willen bekundet, ihr Schicksal zu meistern und ihrem Leben dadurch wieder Sinn zu geben, daß sie in sich die Verpflichtung fühlten, der jungen Generation ein Deutschland zu schaffen, in dem die Worte Freiheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Toleranz Geltung haben sollen.

Was in den Jahren seit 1945 in Deutschland geleistet wurde, ist in erster Linie dem Lebensmut und der Arbeitskraft des deutschen Volkes zu verdanken.

Trotzdem - und auch das muß besonders hervorgehoben werden - ohne die großzügige Hilfe, die dem deutschen Volke durch die Westalliierten, insbesondere durch die Vereinigten Staaten von Amerika und England, zuteil geworden ist und auch immer noch zuteil wird, hätte dieses Wunder der deutschen Wiedergeburt niemals Wirklichkeit werden können. Das deutsche Volk darf diese Unterstützung, die ihm besonders im Rahmen des Marshallplans in schwerster Notzeit gewährt wurde, niemals vergessen und muß in Dankbarkeit des amerikanischen Volkes gedenken, das in einer Zeit, in der ungezählte Menschen in Deutschland am Sinn des Lebens zu verzweifeln drohten, ein Werk praktischer Nächstenliebe von größtem Ausmaß verwirklicht hat.

Niemand, der klaren Sinnes ist, kann den Weg, der bis heute zurückgelegt worden ist, gering bemessen, niemand aber kann auch die Größe jener Aufgaben übersehen, die noch vor uns liegen, am wenigsten kann das die Bundesregierung, die, aus demokratischen Wahlen hervorgegangen, den politischen Mehrheitswillen des deutschen Volkes verkörpert.

Ihr lag es ob, die Länder des deutschen Westens, Südens und Nordens im Bunde der Republik zu einen und diesen Bund so zu gestalten, daß seine Ausstrahlungen die deutschen Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs mit Hoffnung und Glaube an eine gemeinsame deutsche Zukunft erfüllen. Die Bundesrepublik Deutschland ist die Repräsentantin aller derjenigen deutschen Frauen und Männer, die als Folge der kommunistischen Politik in der Gegenwart daran gehindert werden, ein Leben in Freiheit und Gemeinsamkeit mit dem deutschen Westen zu führen.

Um der großen Aufgabe, die das Schicksal gestellt hat, gerecht werden zu können, haben die Deutsche Bundesregierung, der Bundestag und der Bundesrat von Beginn ihrer Tätigkeit an alles in ihren Kräften Stehende getan, um durch die schrittweise Normalisierung der inneren und äußeren Lebensbedingungen der Bundesrepublik diese mit Leben zu erfüllen. Sie haben dieses Ziel durch eine freiheitliche Politik zu verwirklichen getrachtet in dem Bewußtsein, daß die Demokratie nur dort Wurzeln zu schlagen vermag, wo der Staat es sich angelegen sein läßt, das Gefühl für Verantwortung zu erwecken.

Aus dem Nichts heraus mußten die äußeren Formen des demokratischen Staatswesens gebildet werden im Einklang mit den Verfassungsbestimmungen des Grundgesetzes, die eine grundlegende Neuordnung des staatlichen Lebens erforderten. Die Deutsche Bundesregierung ließ sich bei ihrer Arbeit von dem Wissen leiten, daß Demokratie in ihrer tiefsten und schönsten Bedeutung jene Lebensgesinnung darstellt, deren Besitz es den Menschen und Völkern ermöglicht, aus freier Vereinbarung heraus die Probleme ihrer Zeit zu lösen. Der Mensch ist der Maßstab aller Dinge; entscheidend für den Bestand einer Demokratie wird daher die geistige Einstellung der Menschen sein, deren Handeln dem Staat seine inneren Impulse verleiht. Ein Volk wie das deutsche, das in seiner Geschichte so oft in politischer Hinsicht dem Gefühl für die Werte einer freiheitlichen Weltanschauung entfremdet wurde, für das in der Neuzeit die demokratische Staatsform immer nur dann in Erscheinung trat, wenn es nach einem verlorenen Kriege am Rande des Abgrundes seiner nationalen Existenz stand, wird der ruhigen Selbstbesinnung bedürfen, um die seelischen Kräfte entfalten zu können, die die Voraussetzung für jedwedes Neubeginnen bilden. Die Überwindung der materiellen Not, heute gewiß eine der vordringlichsten Aufgaben nicht nur der deutschen Regierung, vermag allein nicht jene geistigen Grundlagen zu schaffen, die den demokratischen Staat zum Leben erwecken.

Vor allem die Jugend bedarf der Ideale, nach deren Verwirklichung sie in dem Bewußtsein zu streben trachtet, daß erst so ihrem Leben Sinn und Deutung verliehen ist. Welchen Idealen aber kann die deutsche Nachkriegsjugend sich zuwenden, diese Jugend, der eine Welt zusammengebrochen ist? Viele Begriffe von gestern sind heute verblaßt, ihres ursprünglichen Sinnes entkleidet und hohl geworden. Gerade die deutsche Jugend trägt in ihrem Herzen die brennende Sehnsucht nach einer Neugestaltung des Lebens der Völker, weil sie am eigenen Leibe erfahren mußte, wohin der Nationalismus, diese Geißel der Menschheit, führt. Die Jugend Deutschlands ruft Europa. Sie hat erkannt, daß die Probleme der Gegenwart nicht mehr mit dem ausschließlich egozentrischen Handeln von Nationalstaaten gelöst werden können. Sie will die Grenzen niederreißen, die die Menschen der verschiedenen Nationen Europas daran hindern, zusammenzukommen. Die Deutsche Bundesregierung hat sich diesem Anliegen der deutschen Jugend nicht verschlossen. Sie hat vielmehr vom ersten Tage an ihren Willen und ihre Bereitschaft ausgesprochen, der Idee einer gesamteuropäischen Konzeption und darüber hinaus des Zusammenschlusses aller derjenigen Völker zu dienen, in deren Bereichen alle jene großen Menschheitsideale beheimatet sind, die das abendländische Antlitz seit zwei Jahrtausenden geprägt haben.

Die Deutsche Bundesregierung wird sich von dieser Zielsetzung niemals abbringen lassen und alles, was sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten bisher getan hat, war diesem großen und entscheidenden Gesichtspunkt untergeordnet. In einer Zeit, in der die friedliebende Menschheit unter der Drohung jener Gefahr zu leben gezwungen ist, die sich im Osten zusammenballt, ist es die Pflicht einer jeden Regierung, die noch in Freiheit Entschlüsse fassen kann, eine klare Stellung zu beziehen. Die Frage lautet: gilt es den Menschen zu verstaatlichen, oder gilt es, den Worten Pestalozzis nachzuleben, alles zu tun, um den Staat zu vermenschlichen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Keine deutsche Frau und kein deutscher Mann diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs wünscht in einem Ameisenstaat zu leben. Die Welt ist heute in zwei große Teile aufgespalten, von denen der eine Konzentrationslager errichtet und der andere Konzentrationslager niederreißt. Das deutsche Volk und seine Regierung werden immer auf Seiten derjenigen Kräfte stehen, die Barrikaden für die Verteidigung der Freiheit errichten. Nichts auf der Welt wird diese Haltung der Bundesregierung ändern können, weil sie zutiefst an jenes Europa und Deutschland glaubt, das seine Dome gen Himmel errichtete und im demütigen Glauben an die Größe göttlicher Allgewalt dem Geiste reiner Menschlichkeit diente.

Konrad Adenauer

Quelle: Deutschland im Wiederaufbau. Tätigkeitsbericht der Bundesregierung. Bonn 1951, S. V-VII.