28. Dezember 1951: Zum neuen Jahre!

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Das Jahr 1951 war für die Bundesregierung und auch für die Christlich-Demokratische Union ein Zeitabschnitt schwerer, manchmal sorgenvoller, aber im Ergebnis äußerst erfolgreicher Arbeit.

In dem vergangenen Jahre sind die meisten der unsere Wirtschaft hemmenden Fesseln gefallen. Wir stehen vor der Abschaffung des Besatzungsstatuts und damit vor der Beseitigung weiterer Einengungen unserer wirtschaftlichen Kräfte. Wir stehen vor der Eingliederung der Bundesrepublik in die Gemeinschaft der freien Völker als Staat gleichen Rechtes und gleicher Achtung.

In einer beträchtlichen Vermehrung unserer Produktionskraft und mit einer beispiellosen Steigerung unserer Exportziffer haben wir die Grundlage für eine gefestigte Währung und die Voraussetzungen für eine gesunde Weiterentwicklung in Wirtschaft und Volksleben geschaffen. Unsere sozialen Aufwendungen stehen an der Spitze der Leistungen aller anderen Nationen. Wenn zur Linderung der Kriegsfolgen und zur Hebung des Lebensstandards auch noch manches zu tun übrig bleibt, wenn vor allem auch die Lage der Mittelschichten unseres Volkes gesteigerte Aufmerksamkeit verdient, so können wir doch auf das Erreichte stolz sein. Das Jahr 1951 wird im Kalender der deutschen Geschichte eine hohe Wertung finden.

Alle diese Erfolge des inneren Aufbaues waren nur möglich durch eine Außenpolitik, die sich der Verantwortung unseres Volkes gegenüber der Welt des Westens, der Welt der Demokratie und Menschenwürde bewusst war. Schritt um Schritt sind wir den Weg der Eingliederung in das von der Bundesregierung mit allen Kräften erstrebte neue Europa gegangen. Der Eintritt in den Europarat als nunmehr gleichberechtigtes Mitglied, die Zustimmung zum Schumanplan, die zu Beginn des Neuen Jahres auch ihre Bestätigung durch unsere gesetzgebenden Körperschaften finden wird, sind wichtige Zeugnisse aus der außenpolitischen Arbeit dieses Jahres.

Getragen vom Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Schicksal unseres Gesamtvolkes hat die Bundesregierung im engen Zusammenwirken mit der Volksvertretung auch auf dem Felde der Außenpolitik dem Wiederzusammenschluss aller Deutschen den Boden zu bereiten versucht. Die westlichen Großmächte haben verständnisvoll die Wünsche der Bundesregierung unterstützt. Die Vereinten Nationen sind das Forum geworden, auf dem der Wille des deutschen Volkes nach freien Wahlen für eine gesamtdeutsche Nationalversammlung Gestalt gewonnen hat. Auch hier hat das vergangene Jahr uns weitergebracht.

Aber wir wissen: Im kommenden Jahre, dem letzten vor den Neuwahlen zum Bundestag, warten noch ebenso große Aufgaben auf uns, im inneren Aufbau und sozialen Ausbau der Bundesrepublik wie in der Gestaltung unseres Schicksals als freies Volk unter den Völkern der Welt. Dazu gehören die Weitergestaltung einer neuen Wirtschafts- und Sozialordnung, die Inkraftsetzung des Lastenausgleichs, der Abschluss der Verträge zur Abschaffung des Besatzungsstatuts und die Verwirklichung der europäischen Verteidigung im Rahmen der atlantischen Gemeinschaft.

Dafür bedarf die Bundesregierung weiter des Vertrauens und der Mitarbeit des deutschen Volkes. Die Christlich-Demokratische Union verkörpert wie keine andere Partei den Willen zur Zusammenarbeit aller Schichten unseres Volkes und den Mut, Arbeit und Verantwortung zu tragen. Dieser Wille muss in dem kommenden Jahre, dem letzten vor den Neuwahlen 1953, seinen Ausdruck finden in einer gesteigerten Aktivität der Partei und aller ihrer Glieder, von den Volksvertretungen bis hinunter in die so wichtige Einzelarbeit der Gemeinden.

Was wir gemeinsam geschaffen und geleistet haben, möge uns im Bewusstsein der uns alle einigenden Gesinnungsgemeinschaft als christliche deutsche Demokraten die Kraft geben für die kommende Zeit!

Allen Freunden und Mitarbeitern wünsche ich von Herzen ein gutes und gesegnetes Jahr 1952.

Quelle: Christlich-Demokratischer Pressedienst, Nr. 256 vom 28. Dezember 1951.