12. April 1952: "Ich kann keine Wunder wirken"

Popularität und Verantwortung

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

Aufgefordert, an dieser Stelle auf die Frage einzugehen, warum mir eigentlich da und dort nachgesagt wird, ich sei wenig populär, möchte ich vor allem erst einmal die Gegenfrage aufwerfen: Wo und zu welcher Zeit ist schon ein Politiker beliebt gewesen, dem das Schicksal die undankbare Aufgabe zugewiesen hat, nach einem verlorenen Kriege, der Millionen von Menschen zu Bettlern gemacht hat, als erster in die Bresche zu springen, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen?

Wem das Glück in den Schoß fällt, in Zeiten allgemeinen Wohlstandes an die Spitze einer Regierung berufen zu werden, der hat es verhältnismäßig leicht, seine Popularität zu pflegen und sich im Lande beliebt zu machen. Er kann aus dem Vollen schöpfen, kann geben und braucht vor allem niemandem etwas zu nehmen.

Der Kanzler eines arm gewordenen Volkes hingegen, der von allen Seiten mit Forderungen bedrängt wird und der doch auch keine Wunder wirken kann, sondern nur darauf zu achten hat, dass das Wenige, was vorhanden ist, gerecht verteilt wird, kann es niemals allen recht machen und wird immer dem Vorwurf derjenigen ausgesetzt sein, die sich benachteiligt fühlen, weil sie nur ihre eigenen Sorgen und nicht die Nöte ihrer Mitmenschen sehen wollen. An diese Zusammenhänge sollten diejenigen denken, die dazu berufen sind, die öffentliche Meinung mit zu gestalten.

Es ist manchmal beängstigend zu sehen, welche Gewalt das gedruckte Wort haben kann. Wenn man aus Druckerschwärze der politischen Weisheit letzten Schluss ziehen könnte, dann wäre ich sicher nicht einer, dem die Nachwelt Kränze flicht. Ich sei ein Politiker, dem der kalte Ehrgeiz gebiete, auf dem Instrument zu spielen, das Macht heißt. Ich verachte die Menschen, sei ein Mann der einsamen Entschlüsse und deshalb mangele es mir auch an Vertrauen im Volke - so oder ähnlich lauten wohl Formulierungen, mit denen man den ersten deutschen Bundeskanzler bedenkt. Jene Zeit der Staatskunst wie im alten Athen zu Philipps Zeiten, "dass in zwei oder drei Tagen alles verwirklicht werden kann, was sich das Volk nur wünschen möchte", ist allerdings vorüber. Wir leben zwar nicht auf einem anderen Stern, aber schließlich in einem anderen Jahrtausend.

Als ich im Sommer 1945 wieder als Oberbürgermeister in meine alte Vaterstadt Köln geholt wurde, in der ich selbst und meine Kinder geboren sind, da hatte Chronos, der Gott der Zeit, das Buch, das er von dieser Stadt führte, mit einem grausigen Kapitel abgeschlossen. Gibt es eine Vorstellung, wenn ich sage, dass die 40.000 von den 770.000 Kölnern, die ausgehalten hatten und beim Einmarsch der Amerikaner sich noch in der Stadt aufhielten, vierzehn Millionen Kubikmeter Schutt um sich sahen?

Warum ich das sage? Weil es viele Leute gibt, die das alles, diesen totalen Zusammenbruch einer Nation mit Millionen und aber Millionen von Gräbern, mit Bergen von Schutt und Leid, mit Strömen von Blut und Tränen, mit Qualen, die Unzähligen bereitet wurden, schon wieder vergessen zu haben scheinen. Nicht nur Köln, so gut wie alle deutschen Städte hatten durch diesen Krieg solche Schäden erlitten, dass es damals schwerfiel, noch an eine Zukunft zu glauben. Wer diesen damaligen Zustand noch einmal nachzeichnen will, gerät schon in einige Bedrängnis. Die Menschen vergessen schnell. Das ist oft gut. Aber manchmal wäre es auch gut, das Jahr 1945 noch einmal mit aller Eindringlichkeit sich in Erinnerung zurückzurufen. Wer jene Zeit von Deutschlands tiefstem Fall nicht sehen will, wie sie war, dem freilich ist nicht zu helfen. Aber dieses deutsche Volk hat sich mit einem unerhörten werktätigen Eifer wieder an die Arbeit gemacht. Man reise landauf und landab, und man sehe sich sieben Jahre danach das Land an!

Der Bundeskanzler bestimmt nach dem Grundgesetz die Richtlinien der Politik. Muss ich darlegen, welche Berge von Misstrauen, ja von Hass uns nach dem Zusammenbruch im Ausland gegenüberstanden? Muss gesagt werden, in welchem Maße uns die sozialen Lasten drücken, die Fürsorge für die Vertriebenen, für die Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen, die mittellosen Alten? Glaubt einer, ich sei freudig gestimmt, wenn das Thema Wehr und Waffen und Verteidigungsbeitrag angerührt wird? Wie viel Kleinkriege waren in der ersten Zeit notwendig, den Besatzungsmächten dies und jenes abzuringen! Nur Geduld und Ausdauer lassen uns in der Welt das von Hitler völlig verspielte Vertrauen wieder erwerben.

Man muss verstehen, dass unser Bemühen nach einem europäischen Zusammenschluss, nach einer europäischen Integration geht. Uns, den Deutschen, sitzt die bolschewistische Gefahr am nächsten, uns droht der Verlust der Freiheit zuerst. Wir haben noch 13 Millionen Deutsche jenseits des Eisernen Vorhangs. Viele von uns geraten wohl außer Atem, wenn sie bedenken, welches Ausmaß von Arbeit und Problemen uns noch bedrückt.

Kann in solchen Zeiten derjenige, der für alles die Verantwortung trägt, überhaupt "populär" im üblichen Sinne des Wortes sein? Kann man von demjenigen "Beliebtheit" erwarten, der von jedermann fordern muss? Von den einen hohe Steuern und von den anderen Geduld, sich einzurichten und Verständnis aufzubringen.

Kürzlich bekam ich das Photo eines kleinen Mädchens zugeschickt, ein lächelndes Kind unter einem blühenden Apfelbaum. Die Eltern des Kindes, ein Leben in Baracken hinter sich, hatten ein kleines Siedlerhäuschen bekommen. Mit seinem Schwesterchen hatte es nun ein eigenes Schlafzimmer. Das Kind dankte, wer weiß, wie es dazu kam, dem Bundeskanzler. Es blickte mich an und lächelte. Das Lächeln des Kindes wog viel Sorge und Mühe auf.

Quelle: Frankfurter Neue Presse vom 12. April 1952.