26. Juni 1952: Unsere beiden Völker

Von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Die Regierungen Frankreichs und der Bundesrepublik haben sich ehrlichen und aufrichtigen Herzens für eine Politik der europäischen Gemeinschaft entschieden. So sicher es ist, dass diese Verständigungspolitik dem Willen und Drängen der französischen und der deutschen Jugend entspricht, so war ich mir bei meinen Bemühungen, diese Politik zu verwirklichen, doch auch immer klar darüber, dass auf dem Wege zu dieser Gemeinschaft unendlich viele psychologische Schwierigkeiten und Hemmungen zu überwinden sind. Das zeigte sich bereits bei der Behandlung des Schumanplanes, und die gleiche Erfahrung trat noch viel deutlicher bei den Beratungen über die Bildung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Erscheinung. Eines aber ist sicher: Wollen wir Deutsche die volle Partnerschaft - und darüber bestehen ja keine Meinungsverschiedenheiten -, dann können wir Deutsche ebenso wenig vor der Organisation der Verteidigung haltmachen, wie die Franzosen es sich gestatten dürfen, den Ungeist der Vergangenheit künstlich am Leben zu erhalten. Sie werden sich vielmehr dazu entschließen müssen, das Vergangene vergangen sein zu lassen und mit uns zusammen ausschließlich den Blick in die Zukunft zu richten.

Auf der Erinnerung unserer beiden Völker lasten viele schlimme Erfahrungen, Missverständnisse und Irrtümer. Unsere Aufgabe muss es daher sein, diese kurz entschlossen auszuräumen, um zu verhindern, dass dieser Ballast, von Generation zu Generation geschleppt, uns untereinander immer mehr entfremdet. Wir können uns diesen gegenseitigen Hader nicht mehr leisten, weil wir heute vor der geschichtlichen Notwendigkeit stehen, einen Zusammenschluss aller derjenigen Völker herbeizuführen, die wie wir um die Erhaltung der abendländischen Werte mit ihren freiheitlichen Maximen bemüht sind.

Unsere moderne Welt duldet kein Abseitsstehen mehr. Infolge der Entwicklung der Technik und der wirtschaftlichen Verflechtung - beides bestimmende Faktoren der Gegenwart - hat der nationale Isolationismus früherer Zeiten selbstmörderischen Charakter angenommen. Diejenigen Völker, die die Zeichen der Zeit verstehen und die guten Willens sind, müssen daher, wenn sie vor dem Urteil der Geschichte bestehen wollen, neue Formen ihres staatlichen Zusammenlebens entwickeln, die in erster Linie der Betonung der Idee der Gemeinsamkeit dienen. Die ältere Generation mag hierbei aus der Haltung der europäischen Jugend die Kraft für die Vollendung dieser großen Gegenwartsaufgabe schöpfen. Die Jugend von heute - welche Sprache sie auch sprechen mag - trägt in ihrem Herzen das Bild einer kommenden Zeit, die keine Grenzen mehr zwischen den Völkern unseres ehrwürdigen Erdteiles kennt. Unsere Aufgabe ist es daher, die Sehnsucht unserer Jugend zu verwirklichen.

Ich glaube fest daran, dass die historischen Notwendigkeiten sich zwangsläufig durchsetzen werden. Das Zeitalter der Nationalstaaten gehört der Vergangenheit an - einer eifersüchtigen, blutgetränkten Vergangenheit -, die Zukunft soll und muss anders gestaltet werden! Nur das Beharrungsvermögen, in verstaubten Büchern niedergelegt und in den verräucherten Versammlungslokalen nationalistischer Demagogen immer wieder künstlich zu geistlosem Leben erweckt, hat bisher den Durchbruch einer Zeitenwende verzögert. Politik aber heißt, den Zug der Entwicklung zu erkennen und auch danach zu handeln. Daher ist es heute unsere vornehmste und wichtigste Aufgabe, den Ballast der Vergangenheit aus dem Wege zu räumen, um so schnell wie möglich zum Ziele zu gelangen.

In diesem Geiste haben in den drei letzten Jahren die Regierungen Frankreichs und der Bundesrepublik an dem großen Verständigungswerk gearbeitet. Sie haben sich dabei zu keiner Stunde von den immer neu auftauchenden Schwierigkeiten entmutigen lassen. Trotzdem gebietet unsere nüchterne Überlegung die Feststellung, dass die Unterzeichnung der Verträge, die einen ersten Schritt zur Verwirklichung einer europäischen Gemeinschaft darstellen, diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze ohne Enthusiasmus aufgenommen worden ist. Warum? Einfach deshalb, weil das, was mit diesen Verträgen geschaffen worden ist, notwendigerweise angesichts des Vorhandenseins des Eisernen Vorhanges, der Europa aufteilt, keine letzte Vollendung ist. Die Sehnsucht der europäischen Jugend kennt keinen Eisernen Vorhang. Sie umschließt in ihren Träumen alle Nationen, die einen europäischen Namen tragen. Und dennoch, eines muss festgestellt werden: Es ist besser und politisch in jedem Falle richtiger, das Mögliche zu tun, statt mit dem Nachtrauern über das zur Zeit Unmögliche auch das zur Zeit Mögliche zu versäumen!

Es gibt keinen deutschen Menschen, für den nicht die Wiedervereinigung des durch den Eisernen Vorhang zerrissenen Vaterlandes den Ausgangspunkt seines politischen Denkens und Handelns darstellt. Die Wiederherstellung der deutschen Einheit ist das erste Anliegen des gesamten deutschen Volkes, das nur den einen Wunsch besitzt, in Frieden und Freiheit zu leben. Aber eben auch in Freiheit! Eine Einheit von Moskaus Gnaden in dem Sinne, dass ganz Deutschland auf den Status eines sowjetischen Satelliten herabsinken, mithin auch die Freiheit in der Bundesrepublik vernichten würde, wäre keine Einheit, sondern die Kapitulation vor dem Machtanspruch des Kreml. Über die Richtigkeit dieser These sind sich alle Deutschen ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit, mögen sie im Bundestag hinter der Regierung oder der Opposition stehen, einig. Gerade deshalb aber ist es für mich unverständlich, wenn da und dort in Frankreich immer wieder Befürchtungen geäußert werden, Bonn könnte sich eines Tages mit Pankow, also mit der SED, den Agenten Moskaus, verständigen.

Wer in Frankreich so denkt, übersieht, dass Bonn sich stets geweigert hat, die Legalität der Sowjetzonenleitung, die sich anmaßt, als "Regierung" aufzutreten, anzuerkennen. Jeder Bewohner in der Bundesrepublik, mit Ausnahme einer geringfügigen Zahl kommunistischer Agenten, weiß, was ein kommunistisches System, das sich auf die Bajonette der sowjetischen Besatzungsmacht stützt, bedeutet, nämlich die Vernichtung alles dessen, was uns Deutschen ebenso wie den Franzosen und den übrigen europäischen Nationen das Leben erst lebenswert macht. Unter der tragischen Wucht der Ereignisse der letzten Jahre sind jene politischen Vorstellungen und Spekulationen, die gemeiniglich unter dem Begriff "Rapallo" zusammengefasst zu werden pflegen, zusammengebrochen. Rapallo ist tot. Was sich hinter diesem Begriff an politischen Auffassungen verbarg, ist untergegangen in einem Meer von Blut und Tränen. Keine deutsche Regierung, auf welche parlamentarischen Kräfte sie auch immer sich stützen würde, könnte den elementaren Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes, die zwingend ein Zusammengehen mit den freiheitlichen Völkern der westlichen Welt erfordern, zuwiderhandeln.

Heute steht unter dem Druck der latenten sowjetischen Drohung auf dem Wege zu Europa das Militärische, wenigstens optisch, im Vordergrund. Aber ein geeintes Europa wäre auch dann eine zwingende Notwendigkeit, wenn es überhaupt keine sowjetische Gefahr gäbe. Die Schaffung Europas ist die Aufgabe, die unser Zeitalter uns Europäern gestellt hat. Sie zu lösen, geht uns alle gleichermaßen an, ohne Rücksicht darauf, welche Sprache wir sprechen, ganz besonders aber uns Deutsche und Franzosen, weil unsere Völker am schwersten an der Geschichte tragen. Es ist jedoch meine Hoffnung, dass gerade die in Bonn und Paris unterzeichneten Verträge dazu beitragen werden, europäische Gesinnung zu schaffen und zu festigen.

Handeln wir Deutsche und Franzosen in diesem Geiste, dann wird alles das, was heute noch manchen gewollt und konstruiert erscheinen mag, eines Tages mit lebendigem Leben erfüllt werden. Künftige Generationen aber, für die die Zeit der europäischen Selbstzerfleischung eine finstere Vergangenheit bedeuten wird, werden uns und unseren gemeinsamen Bemühungen Dank wissen.

Quelle: Die Zeit vom 26. Juni 1952. Zugleich in: Union in Deutschland. Jg. 5. 1952, Nr. 52 vom 2. Juli 1952.