25. August 1953: Die guten Geister Europas

Von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer

In der Sehnsucht nach einer höheren europäischen Einheit klingt heute der Ruf der Dichter, der Staatsmänner und ihrer Völker zusammen. Das besorgte, ungeduldige Drängen der Jugend begleitet die politischen Gespräche und Verhandlungen, weil sie befürchtet, dass der Schwung der europäischen Idee im Gestrüpp der Schwierigkeiten erlahmen könnte. Alle diese Drängenden haben recht. Sie geben den Staatsmännern neuen Antrieb. Der Weg zum vereinigten Europa darf nicht mehr unterbrochen werden, wenn noch so viele Barrieren ihn verlegen.

Der Blick in die Vergangenheit macht uns diese Einsicht zu einer Gewissenssache. Die Völker Europas, die vor Jahrhunderten einmal wirklich eine geistige Einheit bildeten, müssen endlich aus der Geschichte lernen. Wenn vor 100 Jahren der Franzose Victor Hugo den Satz schrieb: "Kommen wird der Tag, an dem Du Frankreich, Du Russland, Du Italien, Du England, Du Deutschland, alle ihr Nationen des Kontinents, Euch zu einer hohen Einheit zusammenschließt und eine europäische Brüderschaft schließt und eine europäische Brüderschaft bilden werdet, ohne dass Ihr Eure besonderen Eigenheiten und Eure ruhmreiche Individualität darüber verlöret!", so sollte aus der Enttäuschung über das bisherige Misslingen der höheren Einheit wenigstens ein fester europäischer Zukunftswille erwachsen. Die besten Europäer sind diesen Weg vorangegangen. Die abendländische Völkergemeinschaft, die Josef Görres und Constantin Frantz vorschwebte, die Zusammenarbeit der Mächte bei der Lösung zivilisatorischer Aufgaben, die Otto von Bismarck anstrebte, die praktische Lehre, die Aristide Briand und Gustav Stresemann nach der ersten, und Winston Churchill aus der zweiten Weltkriegskatastrophe zogen, sie alle waren Wegweiser zu den ersten Zusammenschlüssen in unseren Tagen: Europarat, Montanunion, Verteidigungsgemeinschaft, Europaversammlung, Verfassungsarbeit. So entstand das heutige Kerneuropa der sechs Länder. Es ist ein guter Anfang, gemessen an dem Trümmerfeld, aus dem es erwuchs, und hat das geringschätzige Schmähwort "Klein-Europa" nicht verdient. Dieser erste Zusammenschluss birgt in sich die Größe und den Reichtum des europäischen Gedankens und wird in der Zukunft eine magnetische Anziehungskraft ausüben. Die Zeit des Nationalstaats ist vorüber. Wir haben nur noch zwischen Untergang und Einigung zu wählen. Das ist meine feste Überzeugung.

Es ist kein Widerspruch, wenn wir Deutsche diese Einigung Europas mit der Forderung nach der Einigung Deutschlands begleiten. Denn zu Europa gehört auch "Deutschland jenseits des Eisernen Vorhangs", ebenso wie die Nachbarländer, die heute noch abseits stehen, und die Völker, denen das sowjetische Njet den Weg zur Gemeinschaft mit uns versperrt. Das wird aber nicht mehr lange dauern. Wie im vergangenen Jahrhundert der Druck Napoleons die Einigung der Deutschen förderte, so wird das Terrorsystem des Ostens dem deutschen und dem europäischen Bewusstsein und Zusammenstreben mächtigen Antrieb geben. Schon haben wir die Signale gehört. Hinter ihnen steht eine Volksbewegung, die in den Herzen der freien Welt einen lauten Widerhall fand. Es liegt an dieser Generation, dass die nationale Bewegung zur politischen Einheit hin auch eine pan-europäische Nationalbewegung werde und von Dauer sei. Das gemeinsame europäische Vaterland ist ein so hohes und edles Ziel, dass es die besten Geister hochhalten müssen und durch keinen Rückschlag daran irre werden dürfen.

Um was wir als Politiker sie bitten, ist des Schweißes der Edlen wert: um ein begeisterndes, beschwörendes europäisches Wort, um eine unerbittliche Absage an den Ungeist nationalistischer Verengung, um eine wahrhaft große abendländische Schau.

Quelle: Neue Literarische Welt. Jg. 4. 1953, Nr. 16 vom 25. August 1953.