22. Februar 1957: Aus einem „Teegespräch“ mit Journalisten über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Auszug)

[...] Ich möchte Sie bitten, meinen Gedankengängen etwas zu folgen und dann einen Blick zu tun in die Zukunft von der Vergangenheit her.

Natürlich liegt jetzt sehr nahe der Vergleich mit dem Norddeutschen Zollverein. Wenn Sie sich eine Landkarte zur Hand nehmen aus der Zeit nach den Befreiungskriegen und dann alle diese Länder und Ländchen und ganz kleinen Ländchen sehen, die alle ein eigenes Zollgebiet waren, zum Teil auch eigene Münzen hatten, und die alle ein Leben für sich führten, dann war das für die damalige Zeit sicherlich ein großes Wagnis, diese verschiedenen Wirtschaften und verschiedenen Länder, die verschiedenen Zollgebiete zu einer großen Einheit zusammenzuschließen. Und wenn Sie einmal ein Protokoll zur Hand nehmen aus der Zeit nach 1848 von irgendeinem Landtag - nehmen Sie den sächsischen Landtag oder irgendein Parlament, gleichgültig, welches es ist -, da werden Sie finden, daß da von den Rednern ausgeführt worden ist, daß die ganze Welt zugrunde gehe, wenn man wirklich so etwas mache. Wenn man all das liest und sieht, dann wird man lebhaft erinnert an die Vorgänge, die sich jetzt ereigneten mit folgenden Unterschieden.

Denken Sie bitte daran, daß es damals keine Eisenbahnen gab, daß es kein Telefon gab, daß es keine Autos, daß es keine Flugzeuge gab. Wenn Sie sich nun einmal vorstellen, daß diese technischen Fortschritte oder jedenfalls technischen Neuheiten, die ich eben aufgezählt habe, in höchstem Grade raumverkleinernd wirken, daß Sie also z.B. - ich glaube, ich gehe da nicht fehl - heute mit dem Flugzeug nach dem Kongo fast so schnell hinkommen von Europa aus wie damals mit der Postkutsche quer durch Deutschland, dann, glaube ich, wird Ihnen doch sehr klar einmal die Notwendigkeit werden, die Räume zusammenzuschließen. Denn unsere Zeit mit diesen raumverschlingenden technischen Fortschritten verlangt größere Räume, sonst kann sie sich nicht bewegen und entwickeln, und ferner, meine Herren, verlangt unsere Zeit auch politischen Fortschritt.

Ich für meine Person bin überzeugt davon, daß, wenn man etwas Geduld hat - und die Geduld muß man haben, und höchstwahrscheinlich werden erst unsere Enkel die Früchte dessen ernten, was jetzt beschlossen worden ist -, wenn man Geduld hat und in die Zukunft sieht, aus der Vergangenheit heraus reflektiert auf die Zukunft, dann glaube ich, wird doch zweierlei sehr klar: Einmal, daß, wenn wir das nicht getan hätten, Europa verkümmert, buchstäblich verkümmert wäre. Und zweitens wird einem dann klar, daß man Risiken eingehen muß.

Meine Herren, nichts auf der Welt ist ohne Risiko, aber auch gar nichts. Und sicher ist der Fortschritt nicht ohne Risiko, und der politische Fortschritt und der wirtschaftliche Fortschritt sind erst recht nicht ohne Risiko. Das ist bei jedem einzelnen Unternehmen der Fall, das ist auch der Fall, wenn Staaten sich zusammenschließen. Also, wirkliche Risiken liegen natürlich darin, sie sind notwendig mit jedem Fortschritt verbunden. Man muß sich darüber klar sein und dann zu den Risiken die nötige Geduld einpacken, damit man etwaige Gefahren mit Geduld überwindet.

Es ist meine feste Überzeugung, daß, wenn dieser Schritt nicht getan worden wäre, dieses rohstoffarme Europa - denn im Grunde ist Europa rohstoffarm an Kohle und Eisenerz -, dieses Europa, das so überfüllt ist mit Menschen, wäre zweifellos gegenüber den großen wirtschaftlichen Mächten, die im Entstehen begriffen sind oder schon da sind, wäre zur politischen und wirtschaftlichen Einflußlosigkeit abgesunken. Das muß sich jeder Europäer, gleichgültig welchen Landes, vor Augen halten, daß Risiken in allem liegen, aber daß man, ohne Risiken in Kauf zu nehmen, keine Fortschritte machen kann. Und wenn Sie unter diesen Gesichtspunkten das Ganze besehen und mit etwas Phantasie, wie ich schon eben sagte, nach rückwärts und vorwärts blicken und diese so ganz klein gewordene Erde überblicken, dann werden Sie mit mir darin übereinstimmen, daß diese sechs Länder der Montanunion doch für Europa die Schrittmacher geworden sind für die Zukunft und daß sie mit diesem Entschluß verhindern, daß die europäischen Länder zur Einflußlosigkeit und zum Absterben verurteilt sind.

Wir werden natürlich, meine Herren, sobald die ganzen Verträge ratifiziert worden sind und die Arbeiten, die damit verbunden sind, die Schaffung der Einrichtungen geschehen ist, nach meiner Meinung als allererstes daran gehen müssen, nun einmal die verschiedenen europäischen Einrichtungen, die wir getroffen haben, mit ihren Zuständigkeiten und ihren Mitgliedschaften usw. fein säuberlich nebeneinander aufzuzeichnen, um dann zu sehen, wie man das zusammenbringen, wie man das vereinfachen kann und das Ganze klarmachen kann. Ich glaube, die Öffentlichkeit darf nicht Anstoß daran nehmen, daß eine Reihe von europäischen Einrichtungen jetzt nebeneinander bestehen. Wenn Sie daran denken, welche kühne Tat es doch damals war nach dem Schluß des Krieges in Europa, in Straßburg den Europarat zu berufen, wenn Sie daran denken, daß Deutschland zunächst überhaupt ausgeschlossen war, daß wir dann aufgenommen wurden, aber ohne Stimmrecht, dann sehen Sie, glaube ich, daß man in dieser damals noch vom Kriegsdenken, vom Nachkriegsdenken und Haß und Durcheinander erfüllten Zeit zunächst beginnen mußte mit einem ziemlich lockeren Gebilde, das ohne größere Befugnisse war.

Und Sie werden sich dann darüber klarwerden, wenn man sich das alles nebeneinander vorstellt, daß dann die Montanunion doch ein sehr großer Fortschritt war. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft war ein schwerer, ein furchtbarer Rückschlag, ein entscheidender Rückschlag - und wenn ich daran denke, das wäre damals nicht gewesen, wer weiß, ob nicht die Welt anders aussähe, gefestigter gegenüber dem Osten; aber auf der anderen Seite hat sich auch wieder gezeigt - das ist wenigstens meine Überzeugung -, daß Frankreich zu diesem Schritt nicht bereit gewesen wäre, wenn ihm nicht der Rückschlag bei der EVG die Augen darüber geöffnet hätte, daß schließlich nur in der Gemeinschaft eines Europas auch für Frankreich die Zukunft liegt.

Wir werden nach meiner Meinung sobald wie möglich zu einer Versammlung kommen, nicht zu einer beratenden Versammlung, sondern zu einer beschließenden Versammlung. Und wenn man vielleicht auch beim erstenmal in dieser Versammlung indirekt wird wählen müssen, d.h. durch die europäischen Parlamente, dann muß doch unser Bestreben darauf gerichtet sein, so schnell wie möglich - und ich denke an sehr wenige Jahre, meine Herren - eine europäische Versammlung ins Leben zu rufen, die auf direkten Wahlen beruht.

Das ist eine absolute Notwendigkeit, damit Leben in das Ganze kommt und erhalten bleibt. Wenn das eine Einrichtung der Regierungen wird, dann ist doch die Gefahr sehr groß, daß schließlich bürokratische Hemmungen das Ganze beeinflussen. Es müssen durch direkte Wahlen ständig neue, frische Impulse gegeben werden.

Es liegt uns dann jetzt ob, meine Herren, daß die Verhandlungen mit Großbritannien, mit den nordischen Staaten - ich denke auch mit Österreich, ich denke mit der Schweiz - geführt werden müssen, um zu einem gemeinsamen Zollgebiet zu kommen. Für mich ist kein Zweifel, daß bei den Staaten, die das wünschen, an dem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet teilzunehmen, mit der Zeit auch der Augenblick kommt, wo sie sich entschließen, ein vollwertiges, ein volles Mitglied des Ganzen zu werden. Da muß man mal abwarten.

Die politischen Folgen dieser Zusammenarbeit der Völker schätze ich außerordentlich hoch. Es entsteht da doch hier in diesem Europa eine gewaltige wirtschaftliche Kraft, und diese wirtschaftliche Kraft, die ganz sicher auch zu gemeinsamem politischen Handeln im Großen führen wird, wird auf die Geschehnisse in dieser Welt ihren Einfluß ausüben. Daß wir nicht im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten stehen wollen, brauche ich Ihnen nicht ausdrücklich zu erklären und klarzulegen. Aber ich glaube, auch die Vereinigten Staaten, die ja etwas müde geworden waren mit ihrer Arbeit an diesem zersplitterten und zerrissenen Europa, werden es begrüßen, wenn sie in Zukunft mit einem einigen und gefestigten Europa zusammenarbeiten. [...]

Quelle: Adenauer. Teegespräche 1955-1958. Bearb. von Hanns Jürgen Küsters (Rhöndorfer Ausgabe). Berlin 1986, S. 179-182. Abgedruckt in: Konrad Adenauer: „Die Demokratie ist für uns eine Weltanschauung.“ Reden und Gespräche 1946-1967. Hg. von Felix Becker. Köln-Weimar-Wien 1998, S. 112-116.