11. Mai 1924: Rede Adenauers zur Eröffnung der ersten Kölner Messe

Auch in der bewegten 2000jährigen Geschichte dieser Stadt wird der erste Mai des Jahres eintausendneunhundertvierundzwanzig als ein besonderer Tag ver­zeichnet werden. Während schwere innenpolitische und soziale Krisen das Reich bis ins Innerste erschüttern, während außenpolitisch fast unerträgliche Span­nungen herrschen, wird nach vielen Jahrhunderten zum ersten Male wieder in Köln ein internationaler Markt eröffnet, wird eröffnet in der von fremden Truppen besetzten Stadt, von dem Präsidenten des Deutschen Reiches selbst, der umge­ben ist von dem Reichskanzler, von Reichs- und Staatsministern.

Wir danken dem Herrn Reichspräsidenten für sein Erscheinen, die Stadt Köln, das ganze besetzte Gebiet heißt ihn mit der ganzen Ehrerbietung, die wir seiner hohen Stellung und seiner Person schulden, willkommen. Von Herzen willkommen heißen wir auch den Herrn Reichskanzler und die übrigen hohen Würdenträger, alle diejenigen, die aus dem unbesetzten Gebiet zu uns gekom­men sind. Wir wissen und fühlen, dass nicht alle das Interesse an der Kölner Messe, dass darüber hinaus die Teilnahme und das Gemeinschaftsgefühl mit dem besetzten Gebiet sie zu uns geführt haben.

Die uralte Einrichtung der Messen hat in den letzten Jahren den Prophezeiungen vieler Zweifler zum Trotz sich als durchaus lebensfähig, ja als nicht mehr zu entbehrender Faktor unseres neuzeitlichen Wirtschaftslebens erwie­sen. Auch heute noch ist trotz aller Verkehrseinrichtungen die Großmesse das beste Mittel, unter Aufwendung der geringsten Zeit und der wenigsten Kosten Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Neben diesen ersten Zweck der Messen tritt aber infolge der neuzeitlichen Entwicklung unserer Wirtschaft, ihrer Spezialisierung, der ständigen Änderungen und Verbesserungen ihrer Erzeug­nisse der zweite Zweck der Messen fast gleichberechtigt: Die Messe gewährt die beste Gelegenheit zum Vergleichen und gibt dadurch den stärksten Antrieb zum Fortschritt. So sind denn auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus betrachtet alle großen Messen der letzten Jahre Erfolge gewesen, auch wenn bei der einen oder anderen der unmittelbare Absatz auf der Messe selbst nicht allen Erwartungen entsprochen hat.

In den Kreis ihrer Schwestern tritt heute die Kölner Messe. Unendliche Schwierigkeiten, vornehmlich begründet in der Lage des besetzten Gebietes, waren zu überwinden, ehe sie ihre Pforten öffnen konnte. Es gibt nichts, was nicht verbesserungsfähig wäre, und so wissen wir, dass auch unser Werk nicht vollkommen ist. Wir haben getan, was in unsern Kräften stand, und wir sind zufrieden, wenn es der Kritik stand hält und wenn wir die wohlwollende Mit­arbeit aller interessierten Kreise erhalten. Im Verein mit ihren Schwestern soll die Kölner Messe der ganzen deutschen Wirtschaft dienen. Aber neben dieser allgemeinen sind ihr zwei besondere Aufgaben zugedacht. Sie soll sein der Zen­tralmarkt des westdeutschen Wirtschaftsgebietes. Gerade dieses Gebiet, das größte Produktionsgebiet der Welt, das so schwer gelitten hat und das doch unentbehrlich ist für die deutsche, für die europäische Wirtschaft, für die Lösung der Wiederherstellungsfrage, bedarf des gewaltigen Antriebs einer großen inter­nationalen Messe.

Noch eine zweite besondere Aufgabe hat die Kölner Messe: sie soll die Wirt­schaftsfäden mit den übrigen westeuropäischen Ländern von neuem anspinnen und fest und dauerhaft knüpfen. Wohl ist das eine schwere Aufgabe, die viele Enttäuschungen bringen wird, aber diese Aufgabe muss angefasst und gelöst werden. Es muss in Europa wieder eine Atmosphäre des Friedens geschaffen werden, und es scheint, dass dabei die Wirtschaft der Politik Wegbereiterin sein muss. Die letzten 10 Jahre haben soviel Schutt und Geröll zwischen den Völkern angehäuft, dass es scheinbar den Politikern fast zu schwer ist, es zu entfernen. Eine solche Wolke gegenseitigen Missverständnisses hat sich zwischen die Par­teien gelegt, dass sie sich, dass sie das gemeinsame Interesse ihrer Länder auch ohne böse Absicht anscheinend nicht mehr verstehen. Möge denn die Wirtschaft den Völkern wieder klar machen, dass kein Volk ohne das andere bestehen kann, dass es ganz falsch ist, anzunehmen, die Wohlfahrt des einen sei das Unglück des anderen, dass gerade umgekehrt die Wohlfahrt des anderen die eigene Wohlfahrt fördert und hebt. Gemeinsam sind die wirtschaftlichen Interessen der Völker Europas, gemeinsam ihre kulturellen, gemeinsam ihre ethischen. Ist diese Erkenntnis durchgedrungen, dann wird auch auf politischem Gebiete eine dauernde Einigung sich leicht und fast von selbst ergeben.

Wenn die Kölner Messe zu einer Verständigung zwischen Deutschland und den übrigen westeuropäischen Ländern zunächst auf wirtschaftlichem Gebiete mitbeitrüge, wenn sie dadurch mitschüfe an der größten Aufgabe, die es heute für jeden Menschen nur geben darf, der Herbeiführung eines dauernden wahr­haften Friedens in Europa, dann würde das der größte Erfolg der Kölner Messe sein. Der Geburtstag der Kölner Messe fällt in eine fruchtbare Zeit. Wir haben es unternommen, dies Werk zu schaffen, trotzdem wir wissen, dass es nur gedeihen kann, wenn Wirtschaftsfrieden ist im Innern und ein wahrer Friede herrscht nach außen. Wir haben es gewagt im festen Vertrauen darauf, dass endlich doch der Geist des Friedens und der Versöhnung siegreich bleiben wird über die Dämonen des Unfriedens und des Hasses, dass nach langem, hartem Winter über unser Vaterland, über ganz Europa auch wieder der Frühling heraufziehen wird.

In diesem Sinne bitte ich Sie, Herr Reichspräsident, die erste Kölner Messe für eröffnet zu erklären.

Quelle: StBKAH, NL Adenauer 01.04, ms., handkorrigiertes Redemanuskript. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 76-78.