2. August 1928: Ansprache aus Anlass des Besuchs des französischen Erziehungsministers Herriot in Köln

Ich bin kein Diplomat und kein Regierungsvertreter. Ich bin ein freier Mann und Bürger und kann daher frei und offen sprechen. Lassen Sie mich in aller Offen­heit und mit allem Freimut, aber auch mit dem ganzen Ernst, den die Bedeu­tung der Fragen erheischt, zur öffentlichen Meinung Frankreichs von den Din­gen sprechen, die das Herz eines jeden verantwortungsbewussten Menschen in Europa bewegen und bewegen müssen. Wir haben Furchtbares erlebt, wir haben gesehen, welches Geschick der Menschheit droht, wenn die Mittel einer fortgeschrittenen Technik, wenn die Menschenmassen unserer Zeit, wenn die Organisationsfähigkeit unseres Zeitalters zu Zwecken der Vernichtung gebraucht werden. Das alte Europa liegt in Trümmern, wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters, einer neuen Epoche der Menschheit.

Das neue Zeitalter kann und muss ein besseres werden, wenn die Gutgesinn­ten in allen Ländern es wollen und dafür arbeiten: wollen und arbeiten mit Ernst, mit Ausdauer, mit Hingabe, unentmutigt durch Spott oder Fehlschläge, in der sicheren Überzeugung, dass der Gedanke des Friedens und der Verständigung siegen muss, wenn nicht Europa untergehen soll. Die Gedanken der Ächtung des Krieges, der Abrüstung, der Verständigung, der friedlichen Beilegung aller Streit­punkte, der Sammlung aller Völker in einer Gesellschaft gleichberechtigter Mit­glieder marschieren, sie marschieren, wenn auch langsam. Viele in Deutschland - auch ich gehörte zu ihnen - haben diesen Gedanken zuerst voll Zweifel und voll Zurückhaltung gegenübergestanden, aber wir haben uns überzeugen lassen. Und trotz mancher großen und tiefen Enttäuschung, die wir erlitten haben, trotzdem dass manches noch nicht in Erfüllung gegangen ist, dessen Erfüllung wir erwarten durften, glauben wir, glaubt mit verschwindenden Ausnahmen ganz Deutschland, dass dieser Weg der einzige ist, der zur Wohlfahrt aller Völker in Europa und auch zur Wohlfahrt unseres eigenen Landes führt. Der Weg ist weit, und das Ziel ist hoch. Es wird in Abschnitten gehen, und Rückschläge werden nicht ausbleiben. Es werden Höhen erklommen und Tiefen durchschritten werden müssen. Aber das Ziel, die Verständigung der Völker, die Gleichberechtigung aller Völker, die Wohlfahrt aller Völker kann nur auf diesem Wege erreicht werden.

Quelle: „Licht und Leben", „Evangelisches Wochenblatt", 40. Jg., 14. August 1928, S. 535. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 295.