14. September 1951: Ansprache vor den Nouvelles Equipes Internationales in Bad Ems
Deutschland und der Friede in Europa

Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

Sie haben, verehrter Herr Präsident, in so ausgezeichneten Worten eben die Geschichte der NEI vor unseren Augen entwickelt und Sie haben dabei auch die Erinnerung wachgerufen an Luxemburg. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, dass gerade die Aufnahme, die die deutschen Vertreter damals in Luxemburg gefunden haben, uns aufs tiefste berührt und uns in unserer Absicht bestärkt hat, unsere ganze Kraft dafür einzusetzen, dass dieses verwüstete Europa im christlichen Geist wieder aufgebaut wird. Zum ersten Mal tagt nun die Equipes in Deutschland, auf deutschem Boden. Als Vorsitzender der christlich-demokratischen Union Deutschlands, und ich glaube, auch sprechen zu können im Auftrage unserer Schwesterpartei, der christlich-sozialen Union in Bayern, heiße ich Sie mit besonderer Herzlichkeit willkommen. Wir freuen uns von Herzen, dass Sie gekommen sind, nicht nur wegen der wichtigen Fragen, die wir zu besprechen haben, sondern auch, weil gerade wir Deutsche besonderen Wert darauf legen, nach all den schweren Jahren des Krieges und der Zwietracht, dadurch, dass die NEI auf deutschem Boden tagt, der Welt ein Zeichen der friedlichen Zusammenarbeit der auf christlichem Boden stehenden Parteien zu geben.

Ich darf Sie aber auch als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der gleichzeitig Außenminister ist, herzlich begrüßen. Die Bundesrepublik legt außerordentlichen Wert auf die Zusammenarbeit mit den anderen abendländischen Völkern, insbesondere mit den Staaten Westeuropas. Daher darf ich auch als Leiter der Bundesregierung Ihnen sagen, wie sehr wir den Gedankenaustausch auf deutschem Boden begrüßen und fördern.

Das mir gestellte Thema, meine verehrten Damen und Herren, oder lassen Sie mich meine lieben Freunde sagen, „Deutschland und der Friede in Europa" ist ein Thema, das unser Herr Präsident in seinen Worten schon gestreift und auch erörtert hat. In dem Programmheft, das Sie in Händen haben, finden sich zwei inhaltsreiche Worte: „Ohne Europa kein Friede" und „Qui veut l'Europe, veut la paix". Das Thema kann man, glaube ich, nur dann in seinem vollen Umfang und seiner vollen Bedeutung erfassen, wenn man sich die außenpolitische Entwicklung, die seit 1914 eingetreten ist, vor Augen hält. Nur dann kann man - glaube ich - eine gute Politik machen, wenn man sich darüber klar wird, wie sehr doch auch in den stürmischen Zeiten, in denen wir leben, das Eine, das, was kommt, eine Folge dessen ist, was vorangegangen ist, und wenn man sich weiter darüber klar wird, wie stark schließlich doch der Strom ist, in dem die ganze Geschichte fließt. Lassen Sie mich versuchen, die Kräfteverschiebung, die seit 1914 in der Welt und besonders in Europa eingetreten ist, in großen Zügen zu schildern. Ich muss das tun, denn ich kann nur nochmals wiederholen: Nur eine Betrachtung dieser Kräfteverschiebung seit 1914 zeigt, welche Entwicklung eingetreten ist und welch katastrophale Folgen weiter eintreten werden, wenn wir nicht rechtzeitig die Zusammenhänge erkennen und die nötigen Gegenmaßnahmen treffen. Wie war das Kräfteverhältnis in der Welt 1914? England war damals die größte Seemacht der Erde. Seine Kriegsflotte war stärker als die beiden nächstgrößten Flotten zusammen. Die damals bestehende österreichisch-ungarische Doppelmonarchie war ein besonders starker Faktor des innereuropäischen Friedens, weil sie den ganzen Balkan, sei es politisch, sei es kulturell, an sich und nach Westeuropa orientierte. Deutschland war die stärkste Militärmacht Europas und als solche in der Lage, einen festen Damm gegenüber Russland zu bilden. Frankreich und Italien hatten jedes Land eine Streitmacht allerersten Ranges. Die Vereinigten Staaten dagegen spielten bei Beginn des Krieges 1914 noch keine entscheidende militärische Rolle. Sie hatten keine erhebliche Landmacht, ihre Seemacht war nicht besonders stark.

Erst gegen Ende dieses ersten Krieges entwickelten sich die Vereinigten Staaten zu einem maßgebenden Faktor in der Weltgeschichte. Russland, dessen Westgrenze damals, grob gesprochen, von Memel über Warschau nach Odessa verlief, war noch in seinem Denken von westrussischen und europäischen Elementen maßgebend bestimmt. Seine Militärmacht war sehr groß. Aber hier standen andere Militärmächte auf dem europäischen Kontinent gegenüber.

Wie ist es jetzt? Halb Europa steht heute unter russischer Herrschaft. Die Donau-Monarchie existiert nicht mehr. Von Österreich ist nur ein kleiner Rest übriggeblieben. Weite Teile des früheren Österreich-Ungarn stehen unter sowjetrussischer Herrschaft. Deutschland ist durch den eisernen Vorhang in zwei Teile geteilt. Es ist völlig entwaffnet und es ist nicht souverän. Auf Grund der übermäßigen Anstrengungen in zwei Weltkriegen ist die Stärke Englands sehr beeinträchtigt und seine Flotte hat die uneingeschränkte Herrschaft über die Weltmeere verloren. Italien und Frankreich sind durch die beiden Kriege schwer geschädigt. Ihre Streitkräfte sind, wenn man daran denkt, dass Frankreich noch vor verhältnismäßig wenig Jahren 100 Divisionen aufstellen konnte, gering. Die kleineren europäischen Länder haben große Sorgen. Insbesondere hat Holland seine Kolonien verloren. Die nordischen Staaten fühlen sich von Osten her nicht sicher. Die Vereinigten Staaten hingegen sind zur stärksten See- und Landmacht der Welt aufgestiegen. Sie haben Interessen auf der ganzen Erde. In Sowjetrussland hat durch die Ausrottung der Ober- und Mittelschicht das asiatische Element die Oberhand gewonnen. Eine fanatische Ideologie hat sich des ganzen russischen Reiches bemächtigt. Unter ihrer Führung hat Sowjetrussland die drei baltischen Staaten, die östliche Hälfte Polens und Teile von Finnland, Rumänien und der Tschechoslowakei annektiert. Es hat seinen Machtbereich ausgedehnt auf die folgenden nur dem Schein nach noch selbständigen Länder, auf Albanien, Bulgarien, Rumänien, Polen, die Tschechoslowakei und die östliche Hälfte Deutschlands und Österreichs. Insgesamt hat es allein in Europa seit 1945 ein Gebiet von 471.000 qkm seinem Herrschaftsbereich einverleibt. Weiter muss ich hier anführen, dass der Einfluss des europäischen Teils Russlands völlig geschwunden ist. Die russische Staatsführung - lassen Sie mich es noch einmal betonen - ruht ganz in der Hand von Männern, die ihre Heimat nicht in Europa gehabt haben und die nicht europäische Anschauungen ihr Eigen nennen. Russland hat von jeher eine starke pan-slawistische Ausdehnungspolitik getrieben und eine Ausdehnungstendenz gehabt. Dieser Drang zur Ausdehnung seiner Macht ist durch den Übergang zur kommunistischen oder besser zur totalitären Staatsform und Diktatur außerordentlich gesteigert worden. Jede Diktatur hat ihrem inneren Wesen nach das Bedürfnis und den Drang, ihre Herrschaft auszudehnen. Dieser Herrschaftsdrang Sowjetrusslands zeigt sich zunächst in seiner außerordentlich starken Aufrüstung. Russland ist das einzige Land auf der Erde, das nach dem Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 konsequent und zielsicher seine Rüstung weiter ausgebaut hat. Der Herrschaftsdrang Russlands zeigt sich aber vor allem auch darin, dass es in einem bis dahin in der Geschichte nicht bekannten Umfang sich andere Länder hörig zu machen versuchte. Durch den kalten Krieg, d.h. dadurch, dass es in einer Reihe von Ländern fünfte Kolonnen unterhält, pro-russische Parteien - kommunistische Parteien -, versucht Sowjetrussland überall auf dem Erdball, die Westalliierten in Schwierigkeiten und Händel zu verwickeln unter anderem mit dem Ziel, dadurch Meinungsverschiedenheiten unter ihnen hervorzurufen. Sowjetrussland ist aber nicht nur wegen dieser diktatorischen Machtgelüste eine tödliche Gefahr für alles, was uns Westeuropäern heilig ist. Es ist vor allem auch deswegen eine tödliche Gefahr, weil es eine Politik treibt und politische Anschauungen und Methoden zu verbreiten sucht, die auf einer Weltanschauung beruhen, die der unsrigen, der christlichen Weltanschauung, diametral entgegengesetzt ist. Während wir darauf fußen, dass nicht der Staat, nicht die Gewalt als höchster Maßstab aller Dinge gilt, geht Sowjetrussland davon aus, dass die menschliche Person keine Würde und keine Rechte hat, und dass der Staat, oder richtiger gesagt diejenigen, die den Staat in der Hand haben, schrankenlos und willkürlich ihre Herrschaft über alles, was Menschenantlitz trägt, ausüben dürfen. Ich brauche Ihnen darüber nicht viel zu sagen. Aber ich möchte doch noch einmal mit aller wünschenswerten Klarheit betonen: Der tödlichste und furchtbarste Feind des Christentums ist Sowjetrussland. Sowjetrussland will jede Religion, vor allem das Christentum, vernichten, um dem Menschen den letzten Halt zu nehmen, der ihn vor der Vermassung schützt, der ihm noch einen gewissen Halt geben könnte, der Omnipotenz des weder Recht noch Gerechtigkeit kennenden Staates Widerstand zu leisten.

Man hat sich in der Welt etwas daran gewöhnt, aus der verhältnismäßig geringen Zahl der bei den deutschen Wahlen abgegebenen kommunistischen Stimmen und der sich daraus ergebenden geringen Zahl von kommunistischen Abgeordneten den Schluss zu ziehen, als wenn die Bundesrepublik Deutschland, so wie sie jetzt dasteht, ein absolut sicherer Damm gegenüber einem weiteren Vordringen Sowjetrusslands sei. Diese Meinung würde falsch sein. Ich glaube, ich muss Ihnen noch einige Worte sagen über die Methoden des kalten Krieges, wie sie hier bei uns angewandt werden. Die Methoden des kalten Krieges, den Russland führt, sind naturgemäß in jedem Land verschieden. Wir Deutsche sind gegen die Propaganda des Kommunismus als der allein selig machenden Weltanschauung in Wirklichkeit ziemlich immun, und zwar deshalb, weil wir die Zustände in Sowjetrussland aus den Schilderungen der zurückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen kennen, weil wir weiter wissen, was hinter dem eisernen Vorhang an Grausamkeiten, an Willkür, an Schändungen des Menschen sich ereignet, weil wir die furchtbaren Gräueltaten wissen, die beim Einmarsch der Russen nach Deutschland sich zugetragen haben. Darum legt Sowjetrussland keinen besonderen Wert darauf, dass die kommunistische Partei als solche in Deutschland möglichst groß ist. Aber es legt Wert darauf, einen gewissen kommunistischen Apparat zu unterhalten. Russland hat aber bei uns eine ganze Reihe von Tarnorganisationen errichtet. Vor allem aber wirkt es auf die deutsche Bevölkerung ein durch Furcht. Die 25 bis 30 hochaufgerüsteten russischen Divisionen, die in der Ostzone von Sowjetrussland unterhalten werden und die in der Lage wären, in verhältnismäßig wenigen Tagen in kurzer Frist bis zum Rhein und noch weiter durchzubrechen, haben den Zweck, lähmende Furcht unter den Deutschen zu verbreiten, Furcht und Sorge, ob sie nicht doch heute oder morgen unter russische Herrschaft kommen. Damit, meine Freunde, komme ich zur innenpolitischen Lage Deutschlands insgesamt, über die ich in diesem Zusammenhang Ihnen auch einige Ausführungen machen muss. Nach 12 Jahren nationalsozialistischer Herrschaft sind naturgemäß in Deutschland noch nationalsozialistische Reste vorhanden. Aber ich bin ehrlich erstaunt und überrascht, dass diese Reste nicht erheblich stärker sind. Offenbar war doch das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit ein Gegner des Nationalsozialismus, und des weiteren hat der völlige Zusammenbruch, die Verwüstung Deutschlands, das ganze Elend, das infolge des Krieges über uns hereingebrochen ist, dazu beigetragen, manchem Deutschen, der zunächst harmlos war, die Augen über den Nationalsozialismus und seine Folgen zu öffnen.

Neuerdings hat im Auslande und auch zum Teil im Inland das Entstehen der Soldatenbünde Befürchtungen über ein Wiedererwachen des deutschen Militarismus hervorgerufen. Ich halte diese Furcht sicher im gegenwärtigen Augenblick und zu dieser Zeit, aber, wie ich mit Bestimmtheit glaube sagen zu können, auch für die Zukunft für unbegründet. Dass Soldatenbünde entstehen, ist an sich eine Selbstverständlichkeit. Dieser Zusammenschluss beruht auf der Gemeinsamkeit des Erlebens. Es gibt ja Soldatenbünde in allen Ländern, Bei uns in Deutschland handelt es sich darum, dafür zu sorgen, dass diese Soldatenbünde sich auf den Boden des heutigen Staates stellen und dass sie nicht in irgendeine parteipolitische Abhängigkeit geraten. Ich betone, meine Damen und Herren, und ich freue mich darüber, dass ich das erklären kann: Die jetzt entstandenen Soldatenbünde in Deutschland haben sich auf den Boden des heutigen Staates gestellt! Ich habe schon vorhin von der kommunistischen Partei und von den sowjetrussischen Tarnorganisationen gesprochen. Ich habe auch davon gesprochen, dass Sowjetrussland dadurch Einfluss bei uns zu gewinnen trachtet, dass es Furcht erweckt. Ich habe gesagt, dass ihm das Letztere in einem gewissen Umfang auch gelungen ist. Aber ich würde Ihnen ein unrichtiges Bild zeichnen, wenn ich nicht hinzufügte, dass das deutsche Volk im Grunde seines Herzens den Kommunismus und die sowjetrussischen Methoden verachtet und verabscheut, und dass das deutsche Volk, wenn es erst sieht, wenn es in Wahrheit an Tatsachen sieht, dass der Westen fest entschlossen ist, unter keinen Umständen zuzulassen, dass Sowjetrussland in irgendeiner Form, auch nicht im Wege der Demilitarisierung und Neutralisierung Deutschlands, die Bundesrepublik in seinen Machtbereich zieht, dass das deutsche Volk dann fest zum Westen stehen, dass die vorhandene Furcht schwinden wird.

Zu diesem äußeren Feind, den ich Ihnen geschildert habe, kommt ein innerer Feind, der, glaube ich, allen westeuropäischen Ländern gemeinsam ist. Nach meiner Meinung ist eines der Hauptübel im Leben Europas, im wirtschaftlichen und politischen Leben, die materialistische Lebensauffassung. Dieser materialistischen Auffassung huldigt der Sozialismus. Diese materialistische Lebensauffassung zieht ganz von selbst eine Verneinung des christlichen Ideals der Persönlichkeit nach sich. Selbstverständlich ist sich nicht jeder Sozialist dieser Gegnerschaft zum Christentum bewusst und ich [bin] auch überzeugt davon, dass viele Sozialisten in allen Ländern es ablehnen würden, zu sagen, dass der Sozialismus, der im Grunde genommen doch nichts anderes ist als eine materialistische Lebensauffassung und Weltanschauung, ein Gegner des Christentums sei. Aber, meine Freunde, diese Gegnerschaft, die dem Sozialismus innewohnen muss, zeigt sich doch manchmal an entscheidenden Punkten mit voller Klarheit. Die Freiheit der Persönlichkeit ist, wie Sie wissen, unser oberstes christliches Ziel. Nun, zu der Freiheit der Persönlichkeit gehört das Recht der Eltern, zu bestimmen, wie ihre Kinder erzogen werden sollen. Sie sind diejenigen und nicht der Staat, die in erster Linie vor Gott und vor sich selbst die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder tragen. Aber, meine Damen und Herren, in Frankreich und in Deutschland hat gerade in dieser Zeit sich wieder klar und deutlich gezeigt, dass der Sozialismus dieses Elternrecht, das in der Anschauung über die Freiheit der Persönlichkeit wurzelt, verneint. In Deutschland verneint der Sozialismus das Recht der Eltern auf konfessionelle Schulen. In Frankreich hat der Sozialismus, zum Teil im Verein mit dem Liberalismus alter Prägung, einen erbitterten Kampf gegen die katholischen freien Schulen geführt. Nicht in allen Ländern sind diese Gegensätze zu unserer Weltanschauung so stark ausgeprägt, so z. B. nicht in England und nicht in Holland. Aber die Tatsache, dass gerade auf dem Gebiet der Schulen und auf dem Gebiete des Elternrechtes sowohl der deutsche wie der französische Sozialismus das Recht der Freiheit der Persönlichkeit nicht bejahen, zeigt in einem entscheidenden Punkte seine Gegnerschaft gegenüber christlichen Anschauungen über das Recht der Person gegenüber dem Staat. Mir scheint, dass in allen Ländern eine moralische Erkrankung die Wurzel aller Unordnung ist, und zwar das Vorherrschen materialistischer Einstellung, auch wenn das nicht überall als solche betont und bekannt wird. Vielleicht, oder sogar sicher, kommt diese materialistische Einstellung vielen nicht recht zum Bewusstsein. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie auf das wirtschaftliche und das politische Geschehen unserer Zeit in allen Ländern stark einwirkt. Diese materialistische Einstellung ist sicher zum Teil eine Kriegsfolge; zum Teil beruht sie aber auf einer übertriebenen Hochschätzung der Technik. Ist es nicht bemerkenswert, meine Damen und Herren, dass die Wissenschaft, insbesondere die Physik, sich nun schon seit Jahren vom Materialismus entfernt hat, vom Materialismus, von der Auffassung, der sie jahrelang, jahrzehntelang gehuldigt hat, und dass sich in unserer Zeit das Gros dieser Völker diesem Materialismus so zuwendet. Ich erblicke darin eine der größten Gefahren für die Zukunft und eine der hauptsächlichsten Schwierigkeiten, eine Politik zu führen, die das Wohl des einzelnen wie das Wohl der Gesamtheit und die Wohlfahrt aller Völker als oberste Richtschnur ihres Handelns nicht nur propagiert, sondern auch dementsprechend in Wirklichkeit handelt. Auch diese materialistische Einstellung widerspricht der christlichen Lebensauffassung und den christlichen Grundsätzen für das wirtschaftliche, soziale und politische Leben. Diese materialistische Einstellung führt in ihrer äußersten Konsequenz notwendig zu kommunistischen und diktatorischen Entwicklungen, jedenfalls zu Entwicklungen, die sich über das Recht der Einzelperson hinwegsetzen.

Meine Damen und Herren! Ich hielt es für nötig, Ihnen die Größe der Gefahren, die dem Christentum, der christlichen Kultur, die Gesamt-West-Europa drohen, in aller Ausführlichkeit darzulegen, denn nur dann, wenn man die Größe einer Gefahr wirklich erkennt, überlegt man sich auch, wie man dieser Gefahr begegnen kann und fasst man mit der nötigen Tatkraft die dazu nötigen Entschlüsse. Ich glaubte, noch aus einem anderen Grunde gerade hier, da Sie auf deutschem Boden versammelt sind, Ihnen diese Gefahren schildern zu sollen. Wir wohnen ja Tür an Tür mit dem Bolschewismus und wir fühlen deshalb naturgemäß stärker als diejenigen, die weiter davon entfernt sind, was für eine unheimliche Kraft er aufwendet, um all das zu zerstören, was uns heilig ist. Aber, meine Damen und Herren, die Gefahr ist nicht so groß, als das es keine Rettung demgegenüber gäbe. Ich bin fest überzeugt, dass es eine Rettung gibt, wenn wir nur wollen, wenn wir nur entschlossen sind, alle die Kraft anzuwenden zum Widerstand und zur Bekämpfung, die in uns wohnt. Die Rettung des Abendlandes, die Rettung der christlichen Kultur, wird entscheidend mit beeinflusst werden durch einen Zusammenschluss der politischen, auf dem Boden des Christentums stehenden Kräfte. Und diese christlichen Kräfte, meine Damen und Herren, sind viel stärker, als wir selbst es wissen.

Ich brauche hier nur hinzuweisen auf die christlichen Parteien in Italien, in Frankreich, in der Schweiz, in Luxemburg, in Belgien, in Holland, in Österreich, in Deutschland. Aber in einem stehen wir, wie ich zu meinem Bedauern doch sagen muss, zurück hinter den Parteien, die nicht wie wir an die siegreiche Kraft des christlichen Gedankengutes glauben. Jene haben sich in viel stärkerer Weise bisher zu internationaler Zusammenarbeit zusammengefunden als wir. Bitte denken Sie an die Kominform, denken Sie auch an die Neugründung der Sozialistischen Internationale. Wir, meine Freunde, die die christlichen Parteien darstellen, können zurzeit weder an Kraft noch an Propagandawirkung mit ihnen konkurrieren. Ich bekenne freimütig, dass die deutschen christlichen Parteien es auch daran haben fehlen lassen, sich der Gemeinsamkeit dieser Zusammenarbeit in dem Maße zu widmen, wie das nötig ist. Sehen Sie, meine Damen und Herren, der Name, den wir tragen, der zeigt nicht einmal, was wir wollen. Er ist ein absolut neutraler Name, unter dem man sich alles und jedes vorstellen kann. Wenn ich denke, dass die christlichen Parteien Belgiens, Deutschlands und aller dieser Länder, die ich eben genannt habe, einen festeren Zusammenschluss dadurch vollziehen würden, dass sie in ständiger gegenseitiger Unterrichtung miteinander arbeiten, welch außerordentlich starke Wirkung würden sie auf das europäische Geschehen, auf die Wiedergeburt Europas ausüben und welch anziehende Kraft würden sie auf alle diejenigen ausüben können, die unentschlossen sind. Ich glaube, meine Damen und Herren, so viel ich gehört habe, ist das auch auf dieser Tagung beabsichtigt zu tun. Ein stärkerer Zusammenschluss der christlichen Parteien wird in entscheidender Weise unsere Arbeit, die dem gemeinsamen Ziele gilt, fördern und so uns allen helfen. Vor allem aber würde durch eine stärkere Zusammenarbeit der christlichen Parteien die politische Integration Europas gefördert werden. Die politische Integration Europas ist nicht eine alleinige Angelegenheit zwischen Frankreich und Deutschland. Sicher ist die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, eine dauernde Verständigung, eine Voraussetzung dieser Integration Europas. Aber Integration Europas, das ist etwas viel größeres und weiteres. Dazu gehört auch außer Frankreich und Deutschland, Italien, die Beneluxländer, Österreich, und wenn irgendwie möglich, auch die nordischen Länder und England. Und diese Integration Europas muss erreicht werden, wenn wir die abendländische Kultur und das christliche Europa retten wollen. Die Integration Europas ist die einzige mögliche Rettung des christlichen Abendlandes.

Meine Freunde! Die sowjetrussische Gefahr besteht und sie ist groß, und es hat gar keinen Zweck, etwa die Augen zu schließen und sie zu leugnen. Und diese Gefahr besteht nicht nur für Deutschland, sie bedroht alle Länder Westeuropas. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn einzelne europäische Länder glauben würden, Sowjetrussland würde sich damit begnügen, den jetzigen Status seiner Macht zu halten oder lediglich noch die Bundesrepublik Deutschland in seinen Machtbereich hineinzuziehen. Das politische Ziel Sowjetrusslands ist m. E. sehr klar, sehr logisch und sehr folgerichtig. Sowjetrussland will unter allen Umständen die Demilitarisierung Deutschlands festhalten. Es will dann den Rückzug der westalliierten Truppen aus einem demilitarisierten und durch papierne Verträge neutralisiertes Deutschland erreichen, und es will das, weil es weiß, dass dann - und, meine Damen und Herren, ich sage diese Worte in vollem Bewusstsein ihrer Tragweite - weil es weiß, dass dann die Bundesrepublik sehr schnell in die russische Machtsphäre kommen wird. Würde aber Sowjetrussland dieses Ziel erreichen, dann ist damit eine Integration Europas unmöglich geworden. Denn eine Integration Europas - ich glaube, darüber sind wir uns doch alle einig - ist schlechterdings ausgeschlossen, wenn die Bundesrepublik und damit ganz Deutschland in die russische Machtsphäre hineinkommen würde. Wenn dieses Ziel, die Bundesrepublik in ihre Machtsphäre zu bekommen, Sowjetrussland gelingen würde, dann würde ein solcher Auftrieb für die kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien eintreten, dass der russische Einfluss auch in diesen Ländern vielleicht entscheidend würde. Wenn die Integration Europas unmöglich wird, wenn der sowjetrussische Einfluss in Westeuropa noch weiter dadurch wachsen würde, werden ganz sicher die Vereinigten Staaten ihr Interesse an Europa eines Tages verlieren. Dann hat Sowjetrussland sein Ziel erreicht: Es ist Herr über ganz Europa. Wenn ihm das gelingt, wenn Sowjetrussland Herr von Europa werden sollte, dann ist es auch für die Vereinigten Staaten ein sehr beachtenswerter Gegner. Eine Teilung der Welt in eine sowjetrussische und eine amerikanische Einflusssphäre erscheint dann durchaus im Bereich der Möglichkeit; und wir, wir Europäer und schließlich auch England, gehörten dann zur russischen Einflusssphäre. Das wäre in Wahrheit das Ende des christlichen Abendlandes.

Ich glaube, dass dank der von den Vereinigten Staaten seit Korea mit solch bewundernswerter Entschiedenheit getriebenen Politik die gegenwärtige Spannung zwischen Sowjetrussland und den Westalliierten ohne heißen Krieg sich mildern wird. Alle Anzeichen sprechen dafür. Aber damit würde die latente Gefahr für Europa noch nicht vorüber sein. Sie bleibt, so lange der russische Block aggressiv mitten im Herzen Europas und mitten in Deutschland steht und, meine Damen und Herren, solange die Länder Europas schwach und vereinzelt haben [bleiben]. So lange Sowjetrussland sich keinem starken und einigen Europa gegenübersieht, wird die Tendenz seiner Politik dieselbe bleiben wie bisher. Und aus der latenten Bedrohung, die das Vorhandensein eines solchen Kolosses und das Bestehen eines schwachen Europas mit sich bringt, kann sich jederzeit dann wieder eine akute Gefahr entwickeln. Der Selbsterhaltungstrieb der europäischen Völker verlangt gebieterisch die Verteidigung unserer christlichen Lebensauffassung von uns allen, die wir in gleicher Weise alle bedroht sind. Diese Verpflichtung, diese innere Verpflichtung, die wir haben, den Zusammenschluss Europas zu einer festen Friedens- und Abwehrgemeinschaft, um gegenüber der Bedrohung von Osten her ein Halt zu bieten, muss von uns erfüllt werden, oder wir haben die Aufgabe, die unsere Zeit uns und insbesondere den christlichen Parteien stellt, nicht verstanden und nicht begriffen. In der Durchführung des Schuman-Planes, in der Schaffung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, d. h. in der Schaffung einer Europaarmee, wohlgemerkt, nicht einer europäischen Koalitionsarmee, erblicke ich den sicheren und den einzigen Weg zur Schaffung eines integrierten Europas, erblicke ich die einzige Möglichkeit, den starken Damm zu errichten, den wir gegenüber dem sowjetrussischen Druck brauchen, erblicke ich die einzige Möglichkeit, einer furchtbaren Gefahr für unsere Freiheit, für alles, was uns heilig und teuer ist, zu entgehen, erblicke ich auch, meine Damen und Herren, die einzige Möglichkeit, den Frieden zu retten. Wir werden nicht den Frieden dadurch retten, dass wir die Dinge schleifen lassen. Ein totalitärer Staat kennt nur eine Sprache, das ist die Sprache der Macht, und ein totalitärer Staat ist nur dann bereit, mit einem anderen zu sprechen, wenn er weiß, dass der andere eine Macht bedeutet. Ein solcher Zusammenschluss Europas kann seiner inneren Natur nach niemals aggressiv sein; er kann nur ein Hort des Friedens sein, ein Schutz des Friedens, und er wird das auch sein. Deutschland ist ein notwendiger Bestandteil eines integrierten Europas. Deutschland ist bereit und es ist willens, seine Kraft für Freiheit und Frieden einzusetzen. Der Teilhaber einer solchen Gemeinschaft wird aber nur dann seine ganze Kraft für sie einsetzen, wenn er den anderen Partnern gleichberechtigt ist. Gleiche Pflichten haben gleiche Rechte zur Voraussetzung.

Als Deutscher, als Europäer, als Christ, habe ich den sehnlichsten Wunsch - und das ist das vornehmste Ziel meiner Arbeit - Errichtung einer europäischen Gemeinschaft freier und gleichberechtigter Völker zum Schutze der Freiheit und des Friedens in Europa und in der ganzen Welt.

(Stürmischer, langanhaltender Schlussbeifall.)

Quelle: StBKAH, Stenographische Nachschrift.